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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 38 vom 21.10.2006, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Evolution in der Schöpfung

Die Evolutionstheorie steht nicht im Widerspruch zum Glauben an den Schöpfer. Das macht Professor Reiner Preul im unizeit-Interview deutlich. Gleichzeitig warnt der Universitätsprediger davor, alles durch die Evolutionslehre erklären zu wollen.


Der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom (1658), Ausschnitt. Michelangelo (Buonarroti) (1475 – 1564). Foto: AKG-Images

unizeit: Ausgehend von den USA nimmt seit einiger Zeit auch in Deutschland der Einfluss religiös motivierter Gruppen zu, die die Evolutionstheorie in Frage stellen. Besonders aktiv sind die Anhänger des »Intelligent Design« (ID). Sie streiten evolutionäre Entwicklungen in der Natur zwar nicht völlig ab, sehen jedoch eine intelligente Ursache dahinter, einen Schöpfer. Freut Sie das? Immerhin zeigt es doch, dass die christliche Lehre wieder Aufschwung erhält.

Reiner Preul: Aufschwung erwarte ich mir nicht von dieser Seite, sondern von daher, dass der Mensch gründlich und ernsthaft über sich, sein Leben und die Welt, in der es sich abspielt, nachdenkt.

»Intelligent Design« ist offenbar eine Angelegenheit, die auf unterschiedlichen Ebenen betrieben wird. Auf höherem Niveau stellen ihre Vertreter Fragen an die Evolutionstheorie, die diese sich gefallen lassen muss, die aber auch von den Evolutionstheoretikern teilweise selber gestellt werden. Zum Beispiel: Wie soll man sich die Entstehung von Geist aus dem schlechterdings Geistlosen vorstellen? Auf niederem Niveau verbindet sich »Intelligent Design« mit dem Anliegen der Kreationisten. Es wird versucht, Evolution gewissermaßen zu halbieren. Der eine Teil wird durch die Evolutionstheorie erklärt und der andere Teil durch den Schöpfer. Der Fehler besteht darin, dass man sozusagen Löcher in der Evolution sucht, um in diesen Löchern, und nur darin, die Wirksamkeit Gottes unterzubringen. Statt zu sehen, dass man als Christ sagen muss, dass die Wirksamkeit Gottes hinter dem ganzen Weltprozess steht.

Oberflächlich betrachtet scheinen sich Evolution und christlicher Glaube auszuschließen. Die Evolution erklärt die Entstehung des Lebens und die Entfaltung des Lebendigen in die verschiedenen Arten als einen ziellosen, ungeplanten Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion. Wie verträgt sich das mit den Lehren der Kirche, nach denen Gott die Erde erschaffen hat?

Die Frage beinhaltet ja schon die richtige Einsicht, dass sich christlicher Glaube und Evolution in Wirklichkeit nicht ausschließen. Sogar die biblische Schöpfungsgeschichte enthält schon einen Hauch von evolutionsmäßigem Denken. Es ist nämlich so, dass die Pflanzen aus der Erde hervorgebracht werden, die Tiere werden durch das Wasser und die Erde hervorgebracht und der Mensch, Adam heißt ja Mensch oder Menschheit, Adam kommt von Adama, dem Erdboden. Der Mensch ist ein Erdling.

Schöpfung meint nicht einfach, dass aus dem Nichts einmal etwas entstanden ist, sondern dass Gott den ganzen Weltprozess da sein und geschehen lässt. Die christliche Theologie hat hierfür schon immer den Begriff der Creatio continua, also der fortgesetzten Schöpfung, bereitgestellt. Insofern kann man der Evolutionstheorie dankbar sein, dass sie es uns ermöglicht, uns eine konkretere Vorstellung davon zu bilden, was dieser Begriff meint.

Professor Rainer Preul Foto: pur.pur

Steht die christliche Auffassung von der Sonderstel­lung des Menschen nicht im Gegensatz zur Evolutions­theorie?

Die Sonderstellung des Menschen wird durch die Evolutionstheorie nicht berührt – auch wenn wir nur eine Momentaufnahme auf einem Staubkorn im All sind. Der Mensch ist »Krone der Schöpfung«, weil in ihm die ganze Schöpfung ein Bewusstsein ihrer selbst bekommt und eine Sprache, in der über die Schöpfung geredet und nach ihrem Schöpfer gefragt werden kann, ein Auge, das sich auf die ganze Schöpfung richtet, auch auf ihre Differenziertheit, dazu ein Gefühlsleben, mit dem wir uns auf das Weltganze und auf Gott beziehen können in Glaube, Liebe und Hoffnung.

Durch den Menschen kommt auch die Kategorie des Sinnes in die Welt. Die Evolutionstheoretiker entdecken keinerlei Sinn in der ganzen Entwicklung. Sinn ist eine Kategorie, die aber für das menschliche Leben unverzichtbar ist. Weiter kommt die Sonderstellung des Menschen dadurch zum Ausdruck, dass er mit einer Reihe von Fähigkeiten ausgestattet ist, die für das bloße Überleben der Spezies Mensch nicht erforderlich sind. Nehmen Sie etwa die Kunst. Diese Sonderstellung wird nicht im Geringsten angekratzt durch den Sachverhalt, dass die Welt dank der ErkenntKategonisse der modernen Naturwissenschaften sehr viel größer geworden ist in räumlicher und zeitlicher Hinsicht, als das etwa für die biblischen Autoren der Fall war. Man könnte sogar im Gegenteil sagen, dass die Sonderstellung des Menschen nur noch umso mehr hervortritt, je größer die Welt um ihn herum wird.

Was ist mit Adam und Eva? Wenn der Mensch aus einer Tierart entstanden ist, von der auch die Affen abstammen, dann hat es wohl auch Adam und Eva nie gegeben.

Das ist richtig. Aber das wissen wir nicht erst seit Darwin. Schon die Kinderfrage, wo denn die Söhne von Adam und Eva eigentlich ihre Frauen her haben, bringt das ja zu Fall. Trotzdem möchte ich die biblische Geschichte von Adam und Eva, von Paradies und Sündenfall, auf keinen Fall missen. Denn in ihr stecken sehr tiefe Einsichten, die mir wichtig sind. Es geht darum, was die Bestimmung des Menschen ist. Und seine Bestimmung ist es, den Garten zu bebauen und zu bewahren, also verantwortlich mit der Schöpfung umzugehen. Wenn das nicht modern ist, dann weiß ich nicht, was modern ist. Es ist auch von der Gefährdung des Menschen die Rede. Alles Elend des Menschen beginnt damit, dass er sein will wie Gott, dass er nicht wahr- haben will, was seine wirkliche Stellung in der Schöpfung ist.

Wenn christliche Lehre und Evolution so gut in Einklang zu bringen sind, wovor haben die Evolutionskritiker, wovor haben die Kreationisten Angst?

Vor der Evolutionstheorie muss man keine Angst haben, sofern sie auf seriöser naturwiskreationistisches senschaftlicher Beobachtung und Erkenntnisgewinnung beruht. Es sei denn, man wäre ein Biblizist, der am Wortlaut der Bibel klebt. Solche Leute gibt es auch. Ich glaube allerdings, dass das hierzulande nicht so dramatisch ist wie etwa in den USA. Wenn man so an die 70 nationale Akademien aufgeboten hat, um dagegen zu protestieren, dann scheint es so, als wenn man mit der ›Dicken Berta‹ (ein Panzergeschütz aus dem 1. Weltkrieg, d. R.) auf Spatzen schießt. Wenn man nicht will, dass das Niveau religiöser Bildung bei uns absinkt aufnaturwiskreationistisches Niveau, dann muss man die Institutionen religiöser Bildung pflegen, zum Beispiel theologische Fakultäten, an denen die Religionslehrer ausgebildet werden.

Problematisch sind aber vorschnelle Folgerungen, die man aus der Evolutionslehre zieht. Wenn man die Evolutionslehre als erschöpfendes Wirklichkeitsverständnis versteht, das als solches Gott ausschließt. Wenn man versucht, das Wort Gott durch Evolution zu ersetzen. Wenn man aus der Evolutionstheorie eine materialistische Metaphysik macht und diese uns allgemein zur Vorschrift machen will, sonst seien wir keine aufgeklärten und rational denkenden Menschen. Zu widersprechen ist auch, wenn unsachgemäß ethische Konsequenzen gezogen werden, wenn etwa aus dem »survival of the fittest« eine moralische Regel gemacht wird.

Man sollte in der Evolutionstheorie nicht einen Konkurrenten zur christlichen Lehre sehen, sondern sie als eine Gesprächsanregung aufgreifen, um interdisziplinär ein Wirklichkeitsverständnis zu erarbeiten, das nicht in der Evolution aufgeht, in dem aber die Evolution ohne alle Abstriche ihre feste Stelle hat.

Was kann nicht durch Evolution erklärt werden?

Man hat gesagt, den Menschen könne man nicht erklären, sondern nur verstehen. Erklärt werden kann er nur als Naturwesen. Den Menschen, in dem, was ihn eigentlich auszeichnet als Menschen, als ein Wesen, das nach dem Ganzen fragt, nach dem Sinn des Lebens fragt, das der Kunst fähig ist, das nach dem Schöpfer fragt und so weiter – dieses Wesen kann man nur verstehen, und dieses Verstehen setzt voraus, dass man selber ein Mensch ist und solche Fragen schon hat. Dieses Verstehen entsteht aus der Erlebnisgegenwart jedes Menschen, nicht daraus, dass ich gucke, wann ist was entstanden, wann ist was aufgetreten. Die Evolutionslehre kann zwar schön zeigen, was alles gegeben sein muss, damit so etwas wie ein leistungsfähiges Zentralnervensystem, Gehirn, da sein kann, was er aber selber ist, der Geist, das ist ein Rätsel. (ne)
Päpstliche Äußerungen zur Evolution
In einer Botschaft an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anlässlich ihrer Vollversammlung am 22. Oktober 1996 betonte Papst Johannes Paul II., dass »in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen« ist. Damit hat er diese Theorie akzeptiert.

Auch Papst Benedikt der XVI. hat sich bei seinem Besuch in Bayern zur Vereinbarkeit von Wissenschaft, Vernunft und Glauben geäußert. So sagte er in seiner Predigt bei der Eucharistiefeier auf dem Islinger Feld in Regensburg am 12. September: »Die Sache mit dem Menschen geht nicht auf ohne Gott, und die Sache mit der Welt, dem ganzen weiten Universum, geht nicht auf ohne ihn. Letztlich kommt es auf die Alternative hinaus: Was steht am Anfang: die schöpferische Vernunft, der Geist, der alles wirkt und sich entfalten lässt oder das Unvernünftige, das vernunftlos sonderbarerweise einen mathematisch geordneten Kosmos hervorbringt und auch den Menschen, seine Vernunft. Aber die wäre dann nur ein Zufall der Evolution und im Letzten also doch auch etwas Unvernünftiges.«

www.stjosef.at/dokumente/evolutio.htm
www.benedikt-in-bayern.de
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