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unizeit Nr. 38 vom 21.10.2006, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Frauen gründen anders

Wenn Frauen ein eigenes Unternehmen gründen, steckt dahinter häufig der Wunsch, Berufstätigkeit räumlich und zeitlich flexibel zu gestalten. Auch für Wissenschaft­lerinnen ist die Existenzgründung eine Option.


Braunalgen (Laminaria saccharina) aus der Ostsee liefern wertvolle Substanzen für Naturkosmetika. Foto: O'Well

Frauen gründen anders als Männer. Die Kieler Soziologin Professor Monika Jungbauer-Gans hat festgestellt, dass Frauenbetriebe häufig im Neben­erwerb gegründet werden, während Männer meist mit einer großen Ambition gründen. »Auch in der Vor­bereitungsphase gehen Frauen anders an eine Existenzgründung heran«, bemerkt Gabriele Buda, die Gründungen aus Hochschulen und Forschungs­einrichtungen an der CAU betreut. »Sie suchen viel­mehr die persönliche Ansprache und individuelle Lösungen für ihre Vorstellungen. Es ist ihnen wichtig, eine gute Beratung zu erhalten, wäh­rend Männer eher auf allgemeine Informationsveranstal­tungen gehen.« Der wesentliche Unterschied liege aber vor allem in den Beweggründen für die Unternehmensgründung. Buda: »Frauen suchen in der Selbstständigkeit eine Möglichkeit, ihre Vorstel­lungen von wissenschaftlicher Arbeit, Familie und Kindern unter einen Hut zu bekommen.«

So wie Dr. Inez Linke. Die Kieler Meeresbiologin hat zusammen mit drei Kollegen vor fünf Jahren das Unternehmen Ocean Wellness (Wirkstoffe und Kosmetik aus dem Meer) gegründet. »Mein Haupt­beweggrund war, dass ich Familie und Beruf vereinbaren wollte. Ich kann mir als Selbstständige die Arbeitszeiten frei einteilen. An der Universität hätte ich nur die Chance auf eine befristete Projektstelle gehabt und das nicht unbedingt in Kiel, wo mein Mann eine Vollzeitstelle hat.« Jetzt arbeitet die Mutter von zwei Kindern im Alter von sechs und neun Jahren in der Regel von 8 bis 14 Uhr, ihre Kompagnons arbeiten zeitversetzt. »Das klappt sehr gut«, betont Linke. »Das Team ist aber auch ein ganz großer Faktor zum Erfolg. Darüber hinaus unterstützt mich auch mein Mann.«

Für Uta Wagner war die Unternehmensgründung, die einzige Möglichkeit ihre beruflichen Vorstellungen in Kiel zu verwirklichen. Mangels Alternativen für eine Anstellung gründete die Oecotroph­ologin vor viereinhalb Jahren die »Wissenschaftliche Agentur für Gesundheit und Ernährung«. Wagner: »Ich wollte in meinem erlernten Beruf arbeiten und Jobs für Ernährungswissenschaftler sind in Kiel rar.« Die Idee war, ihr Fachwissen in Form von journalistischen Texten, Broschüren oder Schulungen für Multi­plikatoren anzubieten. Da das als Standbein nicht ausreichte, erweiterte sie ihr Angebot um Ernährungsberatung und -therapie. Nach einer schwierigen Anfangsphase hat die Unternehmerin, die in erster Linie als Einzelkämpferin arbeitet, genug Aufträge. Das wirkt sich auch auf die Arbeitszeiten aus. »Wenn viel zu tun ist, wie im Moment, komme ich schon auf 60 Stunden in der Woche.« Bei Bedarf engagiert die Mutter von zwei Kindern (19 und 15 Jahre) aber auch Mitarbeiter aus anderen Bereichen (Kosmetikerin, Psychologe, Pharmazeut) zur Unterstützung. Mit der derzeitigen Situation ist sie sehr zufrieden. »Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Und die Umsätze stimmen auch.«

Weiterhin wissenschaftlich arbeiten zu können, ist gerade für Akademikerinnen ein Anspruch, den sie in die Selbstständigkeit mitnehmen. Dieses Ziel hat Inez Linke in ihrem Unternehmen verwirklicht. »Wir waren etwa anderthalb Jahre in der Produktentwicklung aktiv, bis wir unsere Meereskosmetikserie anbieten konnten. Auch die Methode zur Gewinnung des Algenextraktes haben wir selbst erforscht. Und auch jetzt laufen wieder zwei Forschungsvorhaben: eins in Kooperation mit der Universität Lübeck, das andere mit dem IFM-Geomar.« Die Forschungstätigkeit wird unter anderem von Fördermitteln des Landes Schleswig-Holstein unterstützt, rund 40 Prozent der Kosten mussten sie jedoch selbst tragen. Doch es hat sich gelohnt. »Wir sind jetzt im ersten Jahr in den schwarzen Zahlen über den eigenen Produktverkauf«, so Linke. »Dabei ist die Kosmetikserie nur ein Standbein. In diesem Jahr verkaufen wir auch erstmals das Algenextrakt an andere Kosmetikhersteller.« Mit dem bisher Erreichten ist die Unternehmerin sehr zufrieden. »Es ist immer eine Herausforderung, und ich muss den Alltag gut organisieren. Aber man kann sich die Zeit relativ frei einteilen. Das ist schon ein Vorteil.« Einen Wermutstropfen sieht sie dennoch: »Finanziell war es in den ersten Jahren recht mager. Da hält man sich immer noch an der Vision fest, und guckt nicht nur aufs Geld. In den ersten drei Jahren hätte es sich mehr gerechnet, wenn ich zu Hause geblieben wäre und die hohen Kinderbetreuungskosten nicht angefallen wären.«

Das Modell der Gründung einer eigenen Existenz ist bei Wissenschaftlerinnen bisher noch nicht weit verbreitet. Während sich derzeit rund zwölf Prozent aller erwerbstätigen Männer selbstständig machen, liegt die Quote bei Frauen nur halb so hoch. Lediglich jedes vierte Unternehmen wird von einer Frau gegründet. Bei technologieorientierten Gründungen, insbesondere Ausgründungen aus Forschung­seinrichtungen und Hochschulen, liegt der Frauenanteil sogar nur zwischen 10 und 15 Prozent. (ne)

Mehr: www.uni-kiel.de/exist
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