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unizeit Nr. 39 vom 09.12.2006, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Tierischer Tourismus

»Blinde Passagiere« auf Schiffen können das Biosystem der Ozeane durch­einander bringen.


Haariges Einwandererproblem: Die Chinesische Wollhandkrabbe (bis zu 30 cm) macht zunehmend auch norddeutschen Fischern zu schaffen. Foto: Benedikt Heitmann

80 Prozent des weltweiten Warentransports werden über See abgewickelt. Schiffe sind damit die wesentlichen Vehikel der Globalisierung. Doch die große weite Welt bringt nicht nur vielerlei erwünschte Güter nach Schleswig-Holstein, sondern auch so manchen unerwünschten Gast.

Je mehr Schiffe auf den Meeren, Kanälen und Flüssen fahren, desto stärker lässt sich nach den Worten von Dr. Karl-Jürgen Hesse vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ) der Universität Kiel in Büsum das Phänomen der tierischen Einwanderer beobachten. Diese so genannten Neozoen, die oft Reisen über Tausende von Kilometern überstehen, benötigen in ihrer neuen Heimat vor allem zweierlei: die passende Temperatur und ein verträgliches Klima.

Gefunden hat sich das bisweilen schon in Zeiten, als es auf den Meeren noch bedeutend beschaulicher herging als heute. Die Chinesische Wollhandkrabbe etwa richtete sich bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland ein und macht hiesigen Fischern zunehmend zu schaffen. Das Tier mit seinen haarigen Zangen ist als Fischräuber ausgewiesen und obendrein in der Lage, Netze massiv zu beschädigen. Betroffen sind vor allem Flüsse, wo sich diese Krabbenart aufhält. Gerade in diesem Herbst breitete sich die Chinesische Wollhandkrabbe aber auch im Nord-Ostsee- Kanal aus, wo einzelne Fischer bereits über eine existenzgefährdende Lage klagen. Ein Dorn im Auge sind die Neozoen aus dem Chinesischen Meer auch den Küstenschützern. Äußerst kunstfertig bauen die Zuwanderer Gänge in Sandbänken, um sich darin zu vergraben – und bilden damit mancherorts eine beachtliche Gefahr für die Deiche.

Dennoch betont Dr. Hesse, dass man nicht alle »blinden Passagiere« über einen Kamm scheren kann: »Der überwiegende Teil der eingeschleppten Organismen ist harmlos.« Dies schon deshalb, weil nach Angaben des Meeresbiologen nur die wenigsten in der neuen Umgebung lebensfähig sind. Selbst wenn sie es sind, bleiben die Folgewirkungen für die Natur oft gering, weil es vielen Neozoen an der Fähigkeit mangelt, sich so zu vermehren, dass sesshafte Populationen heranwachsen.

Meeresbiologe Dr. Karl-Jürgen Hesse warnt: Importierte Tierarten können in den Meeren gravierende Schäden anrichten. Foto: mag

Der Amerikanischen Scheidenmuschel gelang dies aber doch. Seit 1979 ist das Tier in Schleswig- Holstein anzutreffen, an der Westküste massenhaft, weniger häufig aber auch in der Ostsee. »Diese Muschelart neigt zwar zur Massenentwicklung und verändert hierdurch das ursprüngliche Artenspek­trum, sie verursacht jedoch keinen Schaden für den Menschen, und man kann sie sogar essen«, sagt Hesse und nennt damit einen Fall von rundum geglückter Integration.

Über Fibrocapsa japonica lässt sich das leider nicht sagen. Die seit 1993 an Schleswig-Holsteins Nord­seeküste anzutreffende Mikroalgenart aus dem Indo­pazifik gilt als regelrechte Giftspritze. Sie steht im Verdacht, im Friedrichskooger Seehundbecken sogar schon zwei Robben ums Leben gebracht zu haben.

Fälle wie dieser lassen die Wissenschaftler aufhorchen. Je stärker der Schiffsverkehr auf den Meeren zunimmt, desto größer ist schließlich die Wahrscheinlichkeit, dass neben nicht lebensfähigen oder harmlosen Neozoen auch ausgesprochen gefährliche Gesellen mitreisen. Um solchen Gefährdungen nur einigermaßen zu begegnen, ist es zunächst wichtig, die Methoden zu kennen, derer sich die Bio-Importe zu Beförderungszwecken bedienen. Vielfach heften sich die Organismen an Schiffsrümpfe, die seit geraumer Zeit nicht mehr mit der hochwirksamen, aber genauso giftigen Antifouling-Substanz TBT behandelt werden dürfen und sich deshalb wachsender Beliebtheit erfreuen. »Zuwanderungsbeschränkungen« sind deshalb nach Einschätzung von Karl-Jürgen Hesse derzeit unter diesem Aspekt kaum möglich. Auch wenn sich Bewohner von Aquakulturen als Ausreißer betätigen oder Aquarienbesitzer ihre lästig gewordenen Bestände einfach in Gewässer kippen, lässt sich bisher wenig ausrichten.

Besser sieht es mit dem Ballastwasser aus, das schätzungsweise weltweit jeden Tag 4000 verschiedene Arten – meist als Larven oder im Dauerstadium – über die Meere befördert. Um nach dem Löschen der Ladung Stabilität zu gewinnen, lassen die Kapitäne oft 20 bis 30 Prozent des Leergewichts ihrer Schiffe mit Wasser auffüllen und bieten damit ungewollt ideale Reisegelegenheiten für potenziell gefährliches Wassergetier. Bereits seit 2004 gibt es innerhalb der internationalen Seeschiffahrtsorganisation IMO, einer Spezialorganisation der UNO, ein allerdings noch nicht ratifiziertes Abkommen, das den Austausch von Ballastwasser auf den Ozeanen statt in den Häfen festschreibt. Da auf hoher See die potenziellen Mitfahrer wesentlich weniger konzentriert sind, könnte diese neue Regelung dazu beitragen, den tierischen Tourismus wenigstens ein Stück weit einzuschränken.

Doch ganz wird sich das Problem der »blinden Passagiere« wohl nie eindämmen lassen. Dazu müsste man schon die Globalisierung abschaffen. (mag)
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