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unizeit Nr. 39 vom 09.12.2006, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Wenn sich Fremde Fremde schaffen

Die Soziologin Elke Geenen verspricht sich wenig von gesetzlichen Diskrimi­nierungsverboten.


»Ausländer unerwünscht.« Diese (meist so direkt nicht ausgesprochene) Devise gilt vor Discotheken ebenso wie auf manchen Karriereleitern. Doch warum diskriminieren wir eigentlich? Dr. Elke Geenen, Soziologin und Privatdozentin an der Christian-Albrechts- Universität, müsste es wissen. Sie verfasste im Jahr 2000 ihre Habilitationsschrift zur »Soziologie des Fremden« und führt damit eine große sozialwissenschaftliche Tradition fort, die bereits mit Klassikern wie Max Weber oder Ferdinand Tönnies begann.

Letzterer lehrte lange Zeit auch in Kiel und prägte folgenden bedenkenswerten Satz: »Man geht in die Gesellschaft wie in die Fremde.« Gesellschaft ist demzufolge eine Fremde nicht nur für Ausländer oder sonst irgendwie Andere, sondern für alle, die in ihr leben. Tönnies hat diesen Satz zwar vor dem Hintergrund der sich massiv ausbreitenden Industrialisierung geschrieben, doch seine Gültigkeit hat er trotz gewandelter Vorzeichen auch heute noch: Für den Obdachlosen, der nicht weiß, wo er die nächste Nacht verbringt. Für den Angestellten, der stets befürchten muss, wegrationalisiert zu werden. Für den Manager, der heute ganz oben dabei ist und schon morgen womöglich »abstürzt«. Wer so empfindet, neigt höchstwahrscheinlich kaum zu Ausgrenzungsbemühungen, doch im Alltag hängen nach Einschätzung von Elke Geenen nur die wenigsten Zeitgenossen derart reflektierten Sichtweisen an. Vielmehr deutet aus Sicht der Soziologin vieles darauf hin, dass die Menschen, gerade weil ihre Gesellschaft ihnen fremd erscheint, sich gewissermaßen noch Fremdere erschaffen.

Von da an ist es nicht mehr weit bis zur Diskriminierung, also einer Ungleichbehandlung aufgrund von Merkmalen wie beispielsweise Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder regionaler Herkunft. Dass das nicht besonders vernünftig ist, befand schon Max Weber. Er ermittelte, dass die Kriterien, nach denen sich eine Gruppe gegen die andere abgrenzt, oft alles andere als handfest sind. Zu einem guten Teil gehe es dabei um »ästhetisch auffällige Unterschiede in der äußeren Erscheinung« oder um Unterschiede in der alltäglichen Lebensführung. »Dabei handelt es sich stets um Dinge, deren soziale Tragweite ansonsten nur als untergeordnet erscheint«, heißt es bei Weber.

Ganz und gar irrational sind die Motive für Ausgrenzung deshalb aber nicht. »Diskriminierung ist der Versuch, der eigenen Gruppe Ressourcen zu sichern«, behauptet Elke Geenen, nach deren Überzeugung es in jeder Gesellschaft entsprechende Tendenzen gibt. Schlichter Hintergrund: Stets gibt es Dinge wie Geld, Karrieren oder auch nur die Zugehörigkeit zu einer »In-Group« zu verteilen, die so begehrt sind, dass nicht alle sie bekommen können. Die Einordnung der Soziologin: »Man könnte diese Mittel und Chancen ebenso gut aufgrund einer differenzierten Leistungsbewertung verteilen. Das wäre gerechter, aber auch viel komplizierter.«

So kommt es also, dass auf der einen Seite die selbstvermuteten Guten und auf der anderen Seite die angenommen Schlechten sind, dass all dies im Grunde herzlich wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat und trotzdem zumindest aus Sicht der Mehrheit alles wunderbar passt. Beispielsweise gibt es besonders starke ausländerfeindliche Tendenzen ausgerechnet in denjenigen ostdeutschen Regionen, in denen kaum Ausländer leben. Von der Sache her erscheint das unsinnig, doch die soziale Situation macht manches erklärbar. Hartz-IVEmpfänger beispielsweise, die sich dauerhaft zu den Wendeverlierern zählen, können ihr Selbstwertgefühl aufbessern, wenn sie auf andere herunterblicken, die in der gesellschaftlichen gesellschaftlichen Rangordnung noch tiefer angesiedelt sind. Zudem dient Diskriminierung für Geenen auch hier der Sicherung von Ressourcen, nämlich von staatlichen Zuwendungen. Diskriminierung kann in aufgeklärten Gesellschaften aber noch andere abstrus anmutende Blüten treiben. Für die Kieler Soziologin ist es ohne weiteres denkbar, dass Ausländer teilweise auch deswegen nicht in Discotheken gelassen werden, weil ihre möglicherweise selbst ausländischen Betreiber oder Türsteher annehmen, ihre Gäste wollten keine Ausländer im Saal haben.

Hilft gegen so etwas das von Bundestag und Bundesrat beschlossene neue Anti­diskriminierungsgesetz? Elke Geenen hat daran ihre Zweifel. Schon das Verbot, Frauen aufgrund ihres Geschlechts bei der Vergabe von Stellen zu benachteiligen, habe herzlich wenig an der Praxis der überwiegend männlichen Besetzung von Führungspositionen verändert, weil entsprechende Diskriminierungen so gut wie nicht nachweisbar seien. Ähnliches befürchtet die Wissenschaftlerin auch für das Antidiskriminierungsgesetz, das nach ihrer Meinung weitgehend als Zeichen des guten politischen Willens betrachtet werden muss. (mag)
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