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unizeit Nr. 39 vom 09.12.2006, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Bullshit

Der Sozialpsychologe Bernd Simon warnt davor, »Bullshit« als unschuldiges Gesellschaftsspiel zu verharmlosen.


Foto: photocase

Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen, wie sie wirklich sind, kennzeichnet denjenigen, der Bullshit – oder höflicher: Humbug – redet, schreibt der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt in seinem gleichnamigen Essay1). Anders als der Lügner hat der Bullshitter keinerlei Beziehung mehr zur Wahrheit. Der Lügner glaubt noch an die Wahrheit, wenn er versucht, sie uns bewusst vorzuenthalten. Der Bullshitter hingegen hat jegliches Interesse an der Wahrheit verloren. Was der Bullshitter vor uns verbirgt, ist nicht die Wahrheit oder eine Lüge, sondern sein Desinteresse an der Wahrheit schlechthin. So ist er ein größerer Feind der Wahrheit als der Lügner.

Nach Harry G. Frankfurt produzieren wir Bullshit immer dann, wenn wir uns von den Umständen zwingen lassen, über Dinge zu sprechen, von denen wir in Wirklichkeit keine Ahnung haben. Politiker und »Experten« kommen regelmäßig in diese Lage. Jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin gerät in diese Gefahrenzone, wenn die Presse mal wieder anruft und uns grenzüberschreitende Stellungnahmen zu brandaktuellen Themen entlockt. »"Virtueller Tiefgang" nennen wir das«, vertraute mir kürzlich ein Journalist eines führenden deutschen Magazins an – Bullshit eben.

Ist ja alles noch harmlos, könnte man meinen. Das Publikum will unterhalten werden, notfalls auch mit »Bullshit-Bingo«, wie es kürzlich Der Albrecht (Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität, Oktober 2006) empfahl. Aber wer Bullshit oder auch dessen Entlarvung nur für ein amüsantes Spiel hält, läuft selbst Gefahr, gegenüber der Wahrheit gleichgültig zu werden, also letztendlich Bullshit zu produzieren. Bullshit ist vielmehr ein Privileg der Mächtigen und ihrer angepassten Zuarbeiter. So wie sprichwörtlich »der Teufel immer auf den größten Haufen sch...«, ist der Mainstream das Milieu, in dem sich Bullshit am wohlsten fühlt und am längsten unentdeckt bleibt. Das Ergebnis ist die willfährige Anpassung, die bestens floriert, wenn die Wahrheit erst mittels Bullshit abgehängt ist. Die Kritik hingegen erstickt unter der Last der mit Bullshit gedüngten Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen, wie sie wirklich sind. Bullshit ist somit immer auch ein Instrument des Machterhalts. Den Benachteiligten und Machtlosen entwindet Bullshit mit der Wahrheit noch den letzten Hebel für gesellschaftliche Veränderungen. Übrigens: Die Wissenschaft mit ihrer einzigartigen Verpflichtung auf die Wahrheit muss besonders achtsam sein, will sie sich nicht selbst auf den Misthaufen werfen. Bullshit hat schnell Konjunktur und macht mächtig Schule, wenn das Streben nach Exzellenz das Streben nach Wahrheit verdrängt. Denn wer nur als Elite hervorragen will, kann nicht tief schürfen. Von wahrer Exzellenz bleibt dann am Ende vielleicht nur die Ware Exzellenz, garniert mit sehr viel Bullshit.
Professor Bernd Simon leitet den Lehrstuhl für Sozialpsychologie und Evaluation. Er erforscht unter anderem Phänomene wie Identität, Gruppenbildung und Politisierung, Respekt und Macht.

1) Harry G. Frankfurt: Bullshit. Frankfurt am Main 2006.
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