CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 39Seite 5
unizeit Nr. 39 vom 09.12.2006, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Nachkriegsstudenten

Immer mehr beschäftigt sich die Kieler Universität mit ihrer Vergangenheit. Florian Woda erforschte die Situation der Studenten in der Nachkriegszeit.


Kiel 1945, die Stadt liegt in Trümmern und ihre Bevölkerung ist moralisch am Boden. »Eigentlich war es absurd zu studieren. Es wurden Bauern und Maurer gebraucht, alles andere war Luxus«, bemerkt Woda, der unter Leitung von Professor Christoph Cornelißen seine Magisterarbeit am Historischen Seminar schrieb. Trotzdem, nach der Wiedereröffnung der Universität im November 1945 schrieben sich knapp über 2.000 Menschen an der CAU ein, mindestens dreimal soviele hatten sich für einen Studienplatz beworben. Woda: »Sie hatten keine andere Wahl oder wussten nicht, was sie sonst machen sollten. Viele ehemalige Offiziere konnten ihre Karriere beim Militär nicht fortführen, viele Kriegsversehrte konnten keine schwere körperliche Arbeit leisten.«

Die dramatisch schlechte Ernährungslage und der besonders in der stark zerstörten Stadt Kiel eklatante Wohnraummangel waren grundlegende Charakteristika des Nachkriegsstudiums. Typisch für die Zeit waren auch Konflikte um die Zulassung zum Studium. »Die Zulassung lief in mehreren Schritten ab«, so Woda. An erster Stelle stand die politische Prüfung, die Entnazifizierung. »Im Bewusstsein der Studenten hat die Entnazifizierung eine große Rolle gespielt. Die Studenten mussten einen Kriterienkatalog erfüllen, der neben ihren schulischen Leistungen vor allem auch ihre politische Zuverlässigkeit und politische Vergangenheit betraf.« Gegen die Entnazifizierung bei Studenten habe es Proteste gegeben, da die Betroffenen im Dritten Reich Jugendliche gewesen seien. Die Besatzungsmächte haben daraufhin 1947 eine Art Jugendamnestie erlassen. Danach galten alle Personen, die nach dem 1. Januar 1919 geboren wurden als entlastet, es sei denn, man konnte ihnen irgendwelche Verbrechen nachweisen.

Darüber hinaus war für die Zulassung auch der schulische Abschluss entscheidend. Woda: »Während des Krieges bekamen viele Schüler kein gültiges Abitur mehr. Die Schüler wurden immer früher aus ihrem Schulumfeld herausgerissen und an die Front oder zum Flakhelferdienst geschickt. Mit den Notabschlüssen konnte man ihnen nicht sofort den Zugang zum Studium gewähren. Deswegen wurden viele nicht berücksichtigt oder in Notkurse geschickt, wo sie Lehrstoff aufholen sollten.« Benachteiligt waren außerdem die Frauen, da Kriegsteilnehmer bevorzugt zum Studium zugelassen wurden.

In seinem Fazit stellt Woda fest, dass die Kieler Studentenschaft trotz einiger regionaler Besonderheiten wie der Flüchtlingssituation in Schleswig-Holstein sowie des starken Zerstörungsgrades der Stadt Kiel eine typische Nachkriegsstudentenschaft war. »Der Durchschnittsnachkriegsstudent war im Vergleich zur vorherigen Zeit und zur heutigen Zeit wesentlich älter, oft verheiratet, oft kriegsversehrt, schlecht ernährt und bemüht, sein Studium schnell zu Ende zu bringen, um möglichst schnell in geregelte Verhältnisse zu kommen. Man hat der Generation oft vorgeworfen, es habe sich um Brotstudenten gehandelt, sie hätten doch mehr Engagement und mehr Liebe für ihr Fach aufbringen können. Aber auf der anderen Seite, wenn man schaut, unter welchen Verhältnissen sie studiert haben, ist es auch wieder bemerkenswert.« ne
Zum Seitenanfang  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung



Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität   ► presse@uv.uni-kiel.de