Schneller, weiter, dünner
Magersucht ist nicht nur eine »Berufskrankheit« von Models, auch Sportler erkranken überdurchschnittlich oft – Männer wie Frauen – und das nicht nur im Spitzensport.

Charakteristisch für die Sportler-Magersucht ist, dass die Betroffenen bewusst »Ballast« abwerfen, um eine bessere sportliche Leistung zu bringen. »Als Normalgewichtler kann ich den Marathon vier bis fünf Minuten schneller laufen, wenn ich ein Kilo an Gewicht abnehme«, erklärt der Kieler Sportmediziner Professor Burkhard Weisser. »Irgendwann gibt es dann keine weitere Leistungszunahme durch die Abnahme mehr. Aber es ist überraschend, wie dünn man sein muss, um optimale Leistung zu bringen. Manche Sieger im Marathonlauf der Männer wiegen vielleicht 60 Kilo bei einer Größe von 1,70, die Frauen sind 160 groß und wiegen 40 Kilo. Das würden wir nach unseren Kriterien zum Teil schon als Anorexie bezeichnen.«
Dennoch ist nicht jeder schlanke Sportler auch gleichzeitig magersüchtig. Kritisch wird es, wenn nach der sportlichen Leistung das normale Essverhalten nicht wiederhergestellt werden kann, ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme vorliegen oder die Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts gestört ist. Persönlichkeitsmerkmale wie mangelndes Selbstbewusstsein, Perfektionismus und starke Leistungsorientierung erhöhen das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken. Wenn sich die Gedanken ständig um Essen, Aussehen, Gewicht, Fett, Kalorien und das Vermeiden bestimmter Nahrungsmittel kreisen, ist ein krankhafter Zustand erreicht. Zudem treiben viele Magersüchtige oft exzessiv Sport, gehen zum Beispiel jeden Tag zwei Stunden joggen oder absolvieren ein hartes Trainingsprogramm im Fitnessstudio, um ihr Gewicht niedrig zu halten.
Erschreckend ist, wie häufig Essstörungen bei Sportlern vorkommen. Laut einer skandinavischen Studie unter Spitzensportlerinnen liegt das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, bei Sportarten wie rhythmischer Sportgymnastik, Turnen, Marathon oder Judo bei rund 40 Prozent. Das amerikanische College für Sportmedizin führte 1992 eine Untersuchung durch, nach der über 60 Prozent der Sportlerinnen in den Sportarten Eiskunstlauf und Turnen unter einer Essstörung litten. Eine Studie im Auftrag des Kölner Bundesinstitutes für Sportwissenschaft zeigt, dass bis zu 25 Prozent aller Sportlerinnen unter Essstörungen leiden.
Zum Vergleich: Die Häufigkeit von Essstörungen in der weiblichen Bevölkerung zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr liegt nach Schätzungen der Universität Ulm für Anorexie bei 0,5 bis 1 Prozent und für Bulimie bei 3 bis 4 Prozent. Bulimie äußert sich durch häufige Essattacken, denen der Versuch folgt, dem »dick machenden« Effekt der Nahrung durch selbst herbeigeführtes Erbrechen oder mit Abführmitteln entgegenzuwirken. Diesen Versuchen liegt die krankhafte Furcht zugrunde, zu dick zu werden. Bulimie ist eine häufige Folgeerkrankung der Magersucht. Die Zahl der Männer mit Essstörungen wächst beständig. Schätzungen zufolge sind mittlerweile 10 bis 15 Prozent aller Betroffenen Männer.
Dass es sich um eine Krankheit handelt, ist Sportlern noch schwieriger beizubringen als anderen Menschen mit Essstörungen. Sport gilt prinzipiell als gesund. Und der sportliche Erfolg beim Minimalgewicht gibt ihnen scheinbar Recht. »Man wundert sich, was der Körper alles aushält und wie leistungsfähig manche Betroffenen sind, selbst wenn sie nur noch 30 Kilo wiegen«, berichtet Weisser, der als Internist auch Fälle von extremer Magersucht behandelt hat. »Man macht sich keine Vorstellung davon, wie schwierig Magersüchtige zu behandeln sind und wie hoch die Sterblichkeit ist.«
Prominentes Opfer ist zum Beispiel Bahne Rabe, der Olympia-Sieger im Ruder-Achter von 1988. Er starb am 2. August 2001 im Alter von 37 Jahren an einer Lungenentzündung in Folge seiner Magersucht. 1994 starb die amerikanische Turnerin Christy Henrich im Alter von 22 Jahren durch Multiorganversagen.
Laut Schätzungen hungern sich bis zu 15 Prozent aller Magersüchtigen zu Tode. (ne)
Definition »Magersucht«
Medizinisch gilt jemand als magersüchtig, wenn sein Body-Mass-Index (BMI) unter 17,5 liegt. Der BMI berechnet sich aus dem Körpergewicht (kg) geteilt durch das Quadrat der Körpergröße (m2 ). Die Formel lautet: BMI = Körpergewicht : (Körpergröße in m2 ). Das heißt: Wer zum Beispiel bei einer Körpergröße von 1,65 weniger als 47,6 Kilo, bei 1,60 weniger als 44,8 Kilo und bei 1,70 weniger als 50,6 Kilo wiegt, gilt als magersüchtig. ne
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