Alarm bei 42 Kilo
Wenn Mädchen in der Pubertät immer dünner werden, sollten Eltern wachsam sein. Ohne professionelle Hilfe kann die Magersucht lebensbedrohlich werden. Ein Vater schildert seine Erfahrungen.

Foto: aboutpixel.de
Im Anfangsstadium ist es für Außenstehende schwer, eine beginnende Magersucht zu erkennen. Betroffene machen keinen kranken Eindruck, sind meist gute, ehrgeizige Schüler und treiben viel Sport. Durch zwiebelartige Kleidung versuchen sie, ihre dünnen Arme und Beine zu kaschieren. Den nackten Körper verbergen sie vor den Blicken anderer.
»Auch der Allgemeinarzt, der sie untersuchte, hat das Problem gewaltig unterschätzt. Er meinte, sie sollte mehr essen, und wir sollten auf sie einwirken. Zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt davon, das ist kontrollierbar. Mehr essen ist doch kein Problem. Wir machen ihr einfach das, was sie besonders mag, dann wird sie schon mehr essen. Wir haben auch mit ihr gesprochen, und sie versprach, mehr zu essen. Sie hielt sich aber nicht daran.«
Dass Freunde und Angehörige allein wenig ausrichten können bei Menschen mit Essstörungen, sagen auch Experten. So schreibt die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung: »Aufgrund der massiven Folgeschäden und der fehlenden Selbsteinschätzung der Betroffenen bezüglich ihrer körperlichen Befindlichkeit ist eine medizinische Betreuung in jedem Fall erforderlich. Es ist sehr wichtig, seitens der Familie darauf zu bestehen.«
»Irgendwann wurde klar, es geht nicht mehr ohne professionelle Hilfe. Sie aß nur noch winzige Portionen und zum Essen zwingen konnten wir sie nicht. Wir sind dann mit ihr zu einem Kinderarzt gegangen, und der hat sie unverzüglich in ein Krankenhaus eingewiesen. Sie durfte gar nicht mehr nach Hause. Als Maja* in die Klinik kam, wog sie bei einer Körpergröße von 1,75 Metern gerade mal 42 Kilogramm. Dieser Zustand war lebensbedrohlich. Dass es so schlimm um sie stand, hatten wir nicht geahnt. Ich nahm an, der Körper holt sich, was er braucht. Sie wird schon nicht verhungern. Das war eine Fehleinschätzung, wie ich heute weiß.«
Etwa jede sechste schwer erkrankte Magersüchtige stirbt an den Folgen der Krankheit. Häufigste Todesursachen sind Infektionen, Unterernährung, Wasser- und Elektrolytverlust sowie Selbstmord. Infolge der Erkrankung kann es außerdem zum Absinken von Stoffwechsel, Puls, Blutdruck und Körpertemperatur kommen. Das führt zu Müdigkeit, Frieren und Verstopfung. Trockene Haut und brüchige Haare zeigen die hormonellen Veränderungen an, die sich auch im Ausbleiben der Menstruation äußern.
»In der Klinik wurde sie medizinisch und psychotherapeutisch versorgt. Die ersten anderthalb Monate hatte sie Bettruhe und wurde mit Spezialnahrung aufgepäppelt. Sie durfte nur aufstehen, um zur Toilette zu gehen. Es hat lange gedauert, bis das Gewicht nach oben ging. Für sie waren der Aufenthalt in der Klinik und vor allem der Verzicht auf den Sport sehr schwierig. Zuhause hätte das nie funktioniert, wir hätten das nicht durchsetzen können. Als Gewichtsziel hatten wir mit ihr 54 Kilo festgesetzt. Es war für sie sehr schwer, das zu erreichen, und sie hat es auch bis zur Entlassung aus der Klinik, nach etwa einem halbem Jahr Behandlung, nicht ganz geschafft. Die Bedrohung bleibt. Auch jetzt steht die Krankheit immer noch im Hintergrund. Wenn sie Frust hat oder sich ärgert, dann isst sie nicht. Sie weiß allerdings auch, dass wir jetzt schneller handeln. Wenn sie nicht isst, kommt sie sofort wieder in die Klinik. Das ist bei ihr die einzige Motivation, die letztlich zieht.«
Eine Studie der Universität Heidelberg hat ergeben, dass nur die Hälfte der an Magersucht erkrankten Personen vollständig geheilt wird. Bei 20 Prozent wird das Leiden chronisch und 30 Prozent entwickeln andere Symptome wie etwa Depressionen.
Bei der Entstehung der Anorexie wirken verschiedene Faktoren zusammen, die sich gegenseitig beeinflussen. Neben biologischen und gesellschaftlichen (Schönheitsideal) Einflüssen sind vor allem psychische Faktoren bestimmend. Ein Faktor ist zum Beispiel, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
»Was sie eigentlich sucht, ist Aufmerksamkeit. Das habe ich als einen Grund für ihre Essstörung aus den Gesprächen mit ihrer Therapeutin mitgenommen. Das Bedürfnis, Aufmerksamkeit aus der Familie einzufordern, hatte sie eigentlich schon immer. Hinzu kam, dass sie auch in der Schule nicht die Akzeptanz hatte, die sie sich wünschte. Stattdessen galt sie eher als eine graue Maus, und das in einem Alter, wo das Aussehen unheimlich wichtig ist. Unser Fehler war vielleicht, dass wir uns zu wenig Zeit genommen haben, mit ihr zu reden und zu verstehen, wo die Probleme sind. Das ist in der Pubertät unheimlich wichtig. Wir als Eltern waren unsicher, wie geht man mit dem sich verändernden Kind um, wo ist es Kind, wo Jugendlicher, wo Erwachsener. Da besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr heraushält.« (ne)
* Namen von der Redaktion geändert
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität
► presse@uv.uni-kiel.de






