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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 40 vom 27.01.2007, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Von Sparflamme auf Vollgas

Der Stoffwechsel von Magersüchtigen hat sich auf das knappe Nahrungs­angebot eingestellt. Bei der Umstellung zurück auf normale Ernährung gerät die hormonelle Steuerung aus dem Ruder.


Wer über lange Zeit zu wenig isst, bekommt vom Körper schneller das Satt-Signal. Foto: pur.pur

Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig Nahrung unser Körper auch über längere Zeit auskommen kann. Menschen, die an Magersucht (Anorexia nervosa) erkrankt sind, führen das vor. Manche essen am Tag nicht mehr als einen Apfel, vielleicht einen Magerjoghurt und ein trockenes Brötchen. Nach und nach zehrt die magere Kost an der Substanz. Der Körper begegnet diesem andauernden Nahrungsmangel mit einer Umstellung des Stoffwechsels. Der Ruheenergie­verbrauch, also die Energie, die für Stoffwechselvorgänge verbraucht wird, sinkt auf ein Minimum. Der Körper läuft sozusagen auf Sparflamme.

»Vermittelt wird das durch die Hormone Trijodthyronin und Leptin, die miteinander über einen Regelkreis verbunden sind. Entscheidend für den reduzierten Grundumsatz ist das Schilddrüsenhormon Trijodthyronin.« Diesen Schluss zieht Professor Manfred J. Müller vom Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde aus Untersuchungen seiner Arbeitsgruppe zur Gewichtsregulation bei Patientinnen mit Magersucht, die an der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt behandelt wurden. Müller und sein Team analysierten die Werte verschiedener Hormone im Blut der Patientinnen, ermittelten den Grundumsatz und maßen die Körperzusammensetzung von Magersucht-Patientinnen bei Einweisung in die Klinik sowie im Verlauf der Therapie. Die Werte verglichen die Wissenschaftler mit denen von gesunden, normalgewichtigen Frauen. Ein besonderes Augenmerk legten sie auf die Hormone Leptin und Trijodthyronin. Beide Hormone sind bedeutsam für den Energiehaushalt. Das Hormon Leptin wird von Fettzellen produziert und wirkt appetithemmend. Das Schilddrüsenhormon Trijodthyronin ist quasi der Motor für die Stoffwechselaktivität. Bei den Patientinnen mit Magersucht waren die Konzentrationen beider Hormone im Blut reduziert. Unter der kontrollierten Ernährung mit dem Ziel der Gewichtszunahme steigt der Leptinspiegel an – im Verhältnis zum immer noch zu niedrigen Körpergewicht viel zu stark.

»Durch das Angebot energiereicher Nahrung kommt es zu einer überschießenden Reaktion der hormonellen Regelkreise, die vorher auf Hunger adaptiert waren«, erklärt der Ernährungsmediziner. »Die Hormone werden durch die Ernährung im Rahmen der Therapie so stark angestoßen, dass sie einer weiteren Gewichtszunahme entgegenstehen.« Hohe Leptinspiegel im Blut geben das Signal: »Ich bin satt« – obwohl die Patientin noch immer unterernährt ist und eigentlich weiter essen sollte. Die steigende Konzentration des Schilddrüsenhormons im Lauf der Therapie bringt einen erhöhten Grundumsatz mit sich. Dadurch wird die höhere Energiezufuhr mit der Nahrung wieder wettgemacht. Das heißt, zusätzlich zu den psychischen Problemen mit dem Essen erschwert auch die hormonelle Steuerung ein normales Essen.

Müller: »Die Botschaft aus unseren Studien lautet, nicht alleine auf das Gewicht zu achten, sondern zu schauen, ob Leptin und Schilddrüsenhormon im Verhältnis zum Gewicht ausgewogen sind. Für die Therapie bedeutet das, man muss sich viel länger Zeit für die Gewichtszunahme lassen. Die drei bis sechs Wochen, die die Patientinnen normalerweise im Krankenhaus sind, reichen nicht aus. Die Gewichtszunahme, wenn sie nachhaltig sein soll, muss in kleinen Schritten erfolgen. Dafür braucht man einen längeren Zeitraum.« (ne)
Hilfe für Kollegen in Not
Es ist ein typisches Phänomen: Obwohl nicht zu übersehen ist, wenn jemand zusehends abmagert und nur Miniportionen isst, haben Freunde, Kollegen oder Vorgesetzte oft nicht den Mut, das Offensichtliche anzusprechen und Hilfe anzubieten. Das ist jedoch gar nicht so schwer, meint die Suchthelferin der Kieler Universität, Monika Zschau.

Das Gespräch sollte unter vier Augen erfolgen. »Ich rate dazu, offen zu sagen, was man wahrnimmt, ohne vorwurfsvoll zu sein. Also zum Beispiel: Sie haben sich verändert. Ich mache mir Sorgen. Ich bin für Sie da.« Betroffene fühlten sich vielleicht im ersten Moment peinlich berührt, aber sie seien sicher auch dankbar für das Hilfsangebot und die Fürsorge. Vorausgesetzt, man spreche sie nicht jeden Tag aufs Neue an, kommentiere nicht ihre Essgewohnheiten und fordere sie nicht zum Essen auf. Das rufe Abwehr hervor. Hilfe bei Essstörungen bietet innerhalb der Universität der Sozialdienst an – wie auch in psychosozialen Notlagen und bei anderen Suchtproblemen.

Monika Zschau arbeitet seit 28 Jahren an der CAU, gehört seit zwölf Jahren der Suchthilfe und seit 1999 dem aus der Suchthilfe hervorgegangenem Sozialdienst an. Zurzeit betreut sie kontinuierlich zehn Universitätsangehörige, darunter sind auch Magersüchtige, psychisch Kranke und Verschuldete. Dabei versteht sie sich als Mittlerin: »Ich kenne zuständige Therapeuten, Kliniken und externe Ansprechpartner, begleite Betroffene auch mal zum Arzt, zur Klinik oder zum Therapeuten und vermittle zwischen Vorgesetzten, Personalabteilung und Betroffenen.« Als Suchthelferin bietet sie außerdem in Zusammenarbeit mit externen Referenten eintägige Schulungen an, zum Beispiel für Führungskräfte zum Thema »Umgang und Gesprächsführung mit gefährdeten und abhängigen Mitarbeitern«. ne
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