Geschmackssache
Geschmacksvorlieben sind nicht angeboren, sondern werden erworben. Wie sie entstehen, untersuchen Kieler Psychologen.
Die erste Prägung unseres Geschmacks erfahren wir bereits im Mutterleib. Bereits sehr früh, etwa im dritten Monat, schmeckt und riecht der Fetus das Fruchtwasser. »Bis zur Geburt ist eine Menge Zeit, um Präferenzen festzulegen«, bemerkt Professor Roman Ferstl vom Institut für Psychologie. Dass Neugeborene einen süßen Geschmack bevorzugen, liege schlicht und einfach daran, dass das Fruchtwasser eine Fülle süßer Stoffe enthalte. Diese frühe Prägung wurde auch im Tierexperiment nachgewiesen.
An der weiteren Entwicklung unserer Geschmacksvorlieben sind viele Faktoren beteiligt. Dazu zählen etwa die soziale Umgebung, in der wir leben, und die Kultur, in der wir aufwachsen. Auch die Werbung und das Image eines Nahrungsmittels bestimmen den Wert einzelner Lebensmittel. Zum großen Teil prägen jedoch Gewohnheiten unsere Essmuster – nach dem Motto: Wir essen nicht Speisen, die wir mögen, sondern wir mögen Speisen, weil wir sie essen. Wie neue Geschmacksrichtungen bewertet werden und wie sich geschmackliche Präferenzen im Detail ausbilden, untersucht die Arbeitsgruppe um Ferstl. »In einem Experiment konnten wir erstmals beim Menschen zeigen, dass wir uns bei der Wahl zwischen zwei Getränken nicht unbedingt für das leckerste entscheiden, sondern (unbewusst) das Getränk wählen, das in der Vergangenheit für das Überleben des Organismus einen besonderen Wert hatte«, berichtet Dr. Christian Wiesner.
An dem Geschmacks-Experiment nahmen 16 Studenten teil. Sie durften mindestens zwölf Stunden vor dem Testdurchlauf nichts essen und trinken. Dann kamen sie ins Institut und sollten Getränk A oder B zu sich nehmen. »Die beiden Fruchtsaftgetränke, Holunderblüte und Wildpreiselbeere, waren den Probanden unbekannt«, berichtete Katja Könnecke, Mitarbeiterin der Studie. Die eine Hälfte der Probanden durfte vor der Geschmacksprobe ihren Durst mit Wasser stillen, die andere nicht. Dieser Versuch wurde pro Getränk viermal wiederholt. Den Geschmack der Säfte bewerteten die Versuchsteilnehmer auf einer Skala von »überhaupt nicht angenehm« bis »sehr angenehm«. Bei der abschließenden Sitzung durften sie zwischen den beiden Getränken frei wählen. Sie entschieden sich mehrheitlich für das Getränk, das sie immer dann bekommen hatten, wenn sie vor der Verkostung kein Wasser erhalten hatten.
Könnecke: »Die meisten Probanden bevorzugten das Getränk, das sie in der Mangelsituation bekommen hatten. Allerdings gab es zwei Versuchspersonen, die eindeutig angaben, dass sie Getränk A lieber mochten, sich aber dennoch für Getränk B entschieden, weil es zuvor ihren Durst gelöscht hatte.« Ein zweiter interessanter Befund der Studie war, dass die beiden zunächst unvertrauten Getränke im Verlauf des Versuchs immer beliebter wurden. Daraus folgern die Wissenschaftler, je bekannter uns ein Nahrungsmittel ist, desto lieber mögen wir es. »Unabhängig vom Geschmack geht es erst einmal nur darum, was trinke ich oder was esse ich in einer Mangelsituation, und das verändert die Präferenz, ohne dass einem das klar wird«, erklärt Professor Ferstl. Diesen aus Tierexperimenten bereits bekannten Befund konnten die Kieler Psychologen jetzt erstmals auch beim Menschen bestätigen.
Als nächstes will die Arbeitsgruppe den neurobiologischen Mechanismen dieses Phänomens auf den Grund gehen. Dazu messen sie zum Bespiel die Hirnströme der Versuchsteilnehmer mittels EEG während der Geschmacks- und Geruchstests oder beobachten die Aktivität einzelner Gehirnregionen mittels Magnetresonanztomografie. »Für uns ist die Entwicklung von Geschmacksvorlieben ein Modell, um das dahinterliegende System zu verstehen«, so Wiesner. Dabei geht es um folgende Fragen: Wie wird Belohnung im Gehirn verarbeitet? Wie funktionieren die Verstärkungssysteme? Wie lässt sich die Diskrepanz zwischen der subjektiven Beurteilung eines Geschmacks und der tatsächlichen Bevorzugung erklären? Die Forschungen sollen auch dazu beitragen, scheinbar irrationale menschliche Verhaltensweisen, zum Beispiel die Entwicklung einer Drogensucht, zu erklären. ne
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität,
presse@uv.uni-kiel.de





