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unizeit Nr. 40 vom 27.01.2007, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Sprachpuzzle

Wie erforscht man eine unbekannte Sprache? Angehende Sprachwissen­schaftler lernen das im Feld forschungskurs.


Robinson und Freitag gehören dazu, Tarzan und Jane auch, Winnetou und Old Shatterhand sowieso – Geschichte und Literatur kennen unzählige prominente Beispiele von Kulturen, die sich erst einmal sprachlich annähern müssen. Meist lernte dann die Neue Welt die Sprache der Kolonialisten – Englisch, Spanisch oder Französisch. »So wurden und werden heute noch die lokalen Sprachen verdrängt. Es gibt rund 6000 Sprachen auf der Welt, und ständig werden es weniger. Umfassend erforscht ist aber nur ein Bruchteil davon«, erklärt Dr. Geoffrey Haig. Bei ihm am Seminar für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft bekommen Studierende das Handwerkszeug vermittelt, sich selbst die Grundstrukturen für eine für sie unbekannte Sprache zu erarbeiten.

Die bekannteste Methode hierfür ist die Feldforschung, mit der eine Sprache systematisch erforscht wird. Mit gezielten Fragen an den Muttersprachler werden Strukturen von Wörtern und Sätzen erkannt, verschriftet und übersetzt. Wer Feldforschung betreiben will, muss also bereits über einige Fähigkeiten verfügen: Er muss Grammatiktheorie gelernt haben und muss die Struktur einer Sprache beschreiben können. Außerdem muss er wissen, wie er gesprochenes Wort lautlich genau in die Schriftform überträgt, um ein Gebrauchsalphabet für die Sprache entwickeln zu können.

Wer diese Voraussetzungen hat, kann die große Kunst der Gesprächsführung mit dem Muttersprachler in einem Seminar lernen, in dem man sich Wort für Wort vortastet: In diesem Semester sind es zehn Studierende, die sich die albanische Sprache selbst erschließen wollen, mitten unter ihnen ist ihr Dozent Geoffrey Haig. Sie alle schauen die junge Albanerin aufmerksam an, die sich die ersten Szenen aus einem Film anschaut. Eine Fragestunde beginnt: Welche Personen kommen in der Geschichte vor? Die junge Frau deutet auf die Personen im Film: burr – der Mann, shatar – der Bauer. Dem Beobachter drängt sich wieder das Bild von Robinson auf … Welche Gegenstände kommen vor? Dardha – die Birnen, Kosha – die Körbe. Dann versucht es eine Studentin selbst mit einem Satz auf Albanisch: »Nje burr po vjael dardha. Korrekt?« Die Muttersprachlerin strahlt, nickt heftig. Sie freut sich über den geglückten Versuch der Studentin. »Wer sich wie wir eine Sprache selbst erarbeitet, muss auch den Mut haben, sie auszuprobieren«, so Haig. Diese Methode hat für die Studierenden einen entscheidenden Vorteil: »Sie ist vom Lerner selbst gesteuert. Das heißt, er kann sein eigenes Tempo bestimmen, auf diese Weise lernt er sehr schnell.« Alles, was im Kurs gesprochen wird, wird per Mikrofon aufgenommen und später in mühevoller Kleinarbeit am Computer geschnitten und archiviert.

Jeder Kursteilnehmer bekommt sein eigenes Projekt: Der eine erstellt ein Alphabet, mit dem den Lauten vertraute Zeichen zugeordnet werden. Der nächste konzentriert sich auf die Verben und deren Beugung, wieder einer dokumentiert die Hauptworte in ihren unterschiedlichen Fällen. Die Rechtschreibung wird selbst entwickelt und entspricht darum nicht dem Wörterbuch. Am Ende des Kurses entsteht ein eigenes kleines Nachschlagewerk für die neue Sprache.

Die Christian-Albrechts-Universität hat mit Professor Ulrike Mosel eine anerkannte Sprachforscherin für den südpazifischen Raum, darum finden hier auch einige Studierende den Weg über Projekte in die professionelle Sprachforschung. Die meisten heute noch unerforschten lokalen Sprachen sind in Südamerika, Afrika und im Südpazifik beheimatet. Man findet sie aber auch beispielsweise im arabischen Raum. Mit bedrohten iranischen Sprachen beschäftigen sich Wissenschaftler aus aller Welt während einer zweiwöchigen Sommerschule im kommenden August in Kiel.

Was aber nutzt ein Feldforschungskurs denjenigen, die keine bedrohte Sprache retten wollen? »Sie üben sich in Detektivarbeit: Sie bekommen ein Puzzle vorgesetzt und lernen, die fehlenden Teile selbst zu finden. Das sind unschätzbare analytische Fähigkeiten«, erklärt Dr. Haig. Am Ende erweitert jeder Kursteilnehmer auch seinen Horizont. »Verstehen, wie Sprache funktioniert und dass die indogermanischen Sprachen nur einen winzigen Ausschnitt der sprachlichen Möglichkeiten bieten, ist eine wichtige Erkenntnis.« so
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