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Nr. 41, 07.04.2007  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Feierabendhelden

Furchterregende Gnome, betörende Elfen oder futuristische Helden. Beim Arbeits­kreis Fantasy an der Uni Kiel gibt es nichts, was es nicht gibt.


Fantasievoll ausgestattete Teilnehmer eines Live-Rollenspiels auf dem Weg zu neuen Abenteuern.
Foto: Ran Yaniv Hartstein

Immer wieder mittwochs versammeln sie sich zu Dutzenden: Aus allen erdenklichen Fachrichtungen stammende Studierende, die nichts anderes im Sinn haben, als für ein paar Stunden den akademischen Alltag zu vergessen und einzutauchen in Welten, die nur in ihrer Fantasie existieren. Die einen halten es mit dem Mittelalter oder mit Motiven aus dem Herrn der Ringe, die anderen mit dem Krieg der Sterne, die einen brauchen als Utensilien nichts als Papier und Bleistift, die anderen konstruieren aufwändige Aufbauten mit Hunderten kleiner Spielfiguren. Außerhalb des Campus frönen einzelne Mitglieder auch dem so genannten LARP, dem Live-Rollenspiel, das am besten in historischen Burgen, mindestens aber in romantischen Wäldern vonstatten geht. Weil das viel Aufwand für die Logistik und für die stilechte Kostümierung bedeutet, kommt diese Variante in der Praxis wegen der damit verbundenen Kosten für die Kieler Studierenden aber eher selten vor.

Gemeinsam ist allen Fans der Fantasy eine Abneigung gegen allzu passive Arten des Zeitvertreibs. Stattdessen schlüpfen sie lieber in fremde Rollen und gestalten ihr Spiel aktiv mit. Nies, nicht gerade von zartgliedriger Gestalt, ist heute eine Elfe. Johannes, dessen musikalische Talente nach Aussagen seiner Kommilitonen etwa auf dem Niveau von Troubadix angesiedelt sein dürften, spielt einen Barden. Und Jana ist eine kleine Gnomfrau, die Gefühle erzeugen kann, die eigentlich gar nicht da sind – aber irgendwie eben doch. »Mir macht es Spaß, in einer Geschichte mitzuwirken. Es ist halt ein nettes Gefühl, derjenige zu sein, der loszieht, um die Prinzessin aus dem Turm zu retten.« So beschreibt Alexander Bloch, Student der Ur- und Frühgeschichte, was für ihn den Reiz am Rollenspiel ausmacht. Und Simona Seidler, zweite Vorsitzende des Arbeitskreises Fantasy, betont: »Im Rollenspiel kann man Sachen machen, die man normal im Leben nie tun würde.« Aus der in jeder Hinsicht gesetzestreuen Nachwuchs- Geschichtlerin kann auf diese Weise schon mal eine gewiefte Diebin werden, auch wenn nach ihren Worten alles nur »Kino im Kopf« ist.

Erstaunlicherweise lassen sich nicht so sehr die Studierenden von Fächern, die ohnehin als eher kreativ gelten, von dieser Art des Zeitvertreibs faszinieren. Unter den Mitgliedern des einst von Mathematikstudenten gegründeten Arbeitskreises befinden sich bemerkenswert viele Juristen und Naturwissenschaftler, die sich damit einen Kontrapunkt zum eher drögen studentischen Alltag schaffen. Allemal ist die Rollenspielerei spürbar im Aufwind. Während vor einigen Jahren noch aufwändig erklärt werden musste, was Rollenspiel eigentlich sein soll, hat sich das inzwischen weitgehend herumgesprochen. Besonders in Kiel, wo traditionell das größte Turnier der Rollenspieler in Norddeutschland ausgetragen wird.

Zur 34. Auflage des UniCon Kiel treffen sich am 19. und 20. Mai wieder mehrere hundert Teilnehmer auf dem Campus. Neben »Pen and Paper«, also dem Rollenspiel mit Stift und Bleistift, steht auch »Table Top«, das Spiel mit kleinen fantastischen Figuren auf dem Programm. Während die »Pen-and-Paper«-Leute ihren Handlungsrahmen von einem besonderen Würfel vorgeben lassen, ansonsten aber sehr frei in ihrem Spielverhalten sind, geht es beim »Table Top« ein bisschen zu wie beim Schach. Die Regeln, nach denen die Figuren zu komplexen Konstellationen aufgestellt werden, sind weitaus strikter. »Man braucht strategisches Geschick«, sagt Marc Pospiech, für den es gerade den Reiz ausmacht, wenn sich die Ritter des Chaos wieder einmal in strammer Formation mit den wehrhaften Hochelfen anlegen. Virtuellen Varianten des Rollenspiels können die meisten Studierenden indes nur wenig abgewinnen.

»Rollenspiel ist Improvisationstheater am Tisch«, sagt Simona Seidler, die auch gern mal »normales« Theater spielt und am Computer einfach den Kontakt von Mensch zu Mensch mit allem atmosphärischen Drumherum vermissen würde. Denn wenn am Abend die Neonlichter in den nüchternen Räumen der Rollenspieler ausgehen und stattdessen Kerzen ihren schummrigen Schein verbreiten, wenn die Vagabunden, Elfen, Räuber und Prinzessinnen mit Cola, Chips und Schokolade gewappnet eintauchen in ihre Welt voller Unwägbarkeiten und Mysterien, wenn es darüber Mitternacht und in Ferienzeiten manchmal noch viel, viel später wird, dann ist ihnen allen klar: Nichts ist so aufregend wie die »echte« Fantasie. (mag)
Weitere Informationen
Der Arbeitskreis Fantasy an der Uni Kiel trifft sich
jeden Mittwoch von 19 Uhr an
im Gebäude Wilhelm-Seelig-Platz 4.
Website: www.akf-kiel.de
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