Herren der Hölle
Für den Menschen im Mittelalter war die Bedrohung durch den Teufel real. Das spiegelt sich auch in der Literatur dieser Epoche wider. Ein Forschungsprojekt am Germanistischen Seminar untersucht die »Figuren des Diabolischen«.

Der Teufel steckte auch in der Malerei: Giotto di Bondone, Fresko um 1295/1300, Assisi, S. Francesco. Foto: AKG-Images
Diese Figuren des Teufels nimmt Dr. Jörn Bockmann, Lehrbeauftragter am Germanistischen Seminar, im Rahmen eines Forschungsprojekts unter die Lupe. Sein Untersuchungsobjekt sind volkssprachige Texte vom 13. bis zum 15. Jahrhundert, vor allem im niederdeutschen Sprachraum. »Die mittelniederdeutsche Sprache ist die Vorgängersprache des heutigen Plattdeutsch. Sie war die übliche Verständigungssprache in Norddeutschland und war für viele Bereiche, von städtischen Urkunden, Predigten bis zur Literatur bis in die frühe Neuzeit auch die Schrift- und Literatursprache«, erklärt Bockmann.
Für die Untersuchung greift sich der Literaturwissenschaftler Werke heraus, in denen eine diabolische Figur eine zentrale Rolle spielt. Dazu zählen zum Beispiel Legenden oder Exempel, beispielhafte Erzählungen von kürzerem Umfang. »In den Legenden und Exempeln, die von Versuchungen des Teufels erzählen, von Verdammung genauso wie von Möglichkeiten der Rettung, werden oftmals implizit die religiösen Ängste und Erwartungen spätmittelalterlicher Menschen diskutiert«, so Bockmann.
Eine prominente Stelle nehmen der Teufel und seine Schar zum Beispiel im »Redentiner Osterspiel« ein. Das geistliche Spiel entstand um 1460 und stammt aus dem Wismarer oder Lübecker Raum. In dem darin enthaltenen Teufelsseelenspiel geht Lucifer mit seinen Genossen auf Seelenfang, weil nach Christi Höllenfahrt*, bei der auch die Vorväter aus der Hölle befreit wurden, das Reich Lucifers wieder mit neuen Seelen gefüllt werden muss. Dies geschieht nach der Vorstellung des Spiels in der Gegenwart des Publikums, im unmittelbaren Lebensumfeld der Hansestädte, in der sündige Seelen verschiedener Standesvertreter in die Hölle verschleppt und standesentsprechenden Strafen zugeführt werden: So wird der Fleischer, der schlechte Ware verarbeitete, in der Hölle in einen Schweinemagen gesteckt. »Das Beispiel zeigt, dass es bei der Inszenierung der Teufelsfigur im Mittelalter keineswegs immer nur um religiöse Aspekte ging, sondern auch um aktuelle gesellschaftliche Fragen.«
Der Schwankroman »Bruder Rausch« (entstanden um 1488) macht weitere Aspekte deutlich wie Unterhaltung, Belehrung und Komik. Ein Dämon lässt sich in einem Kloster als Küchenjunge anstellen, verbreitet dort Ärger und Zwietracht unter den Mönchen, geht außer Landes, fährt in eine englische Königstochter ein, wird vom Abt des Klosters gebannt und in einem exorzistischen Ritual in ein Pferd verwandelt, bis er das Ende seines Lebens in mönchischer Weise singend und lesend auf einer einsamen Burg verbringen muss.
In seiner Arbeit, die sich zwischen historischer Anthropologie und literaturwissenschaftlicher Analyse ansiedelt, will Bockmann herausarbeiten, wie die Teufelsfiguren beschaffen sind und welche Funktion sie ausüben. Dazu wird die Gestalt des Teufels für jeden Text auf drei Dimensionen untersucht: in Hinblick auf die Teufelsattribute (Kennzeichnung der Figuren etwa als listig, gierig, gerecht oder ungerecht), in Hinblick auf die Erzählweise und -struktur sowie in Hinblick auf den Bewältigungsmodus des Diabolischen. Bockmann: »Der Mensch des späten Mittelalters sah sich von Dämonen umgeben. Und dass er damit fertig werden musste, ist heute noch den Dokumenten abzulesen, die von der Teufelsfigur erzählen. Sei es, indem diese den Teufel als überwindbar, als Erfüllungsgehilfen für gerechte Strafen oder auch als pure Witzfigur begreifen. Den Teufel als Witzfigur gibt es heute noch im Kasperle- Theater. Dass er so klein und handhabbar ist, hat zweifelsohne etwas Beruhigendes.« (ne)
Die »Höllenfahrt Christi« ...
... ist ein (wenig bekannter) alter christlicher Glaubenssatz. Er geht auf Vers 3, 19 aus dem 1. Petrusbrief zurück, nach dem Christus zu den gefangenen Geistern predigte. Das wurde so gedeutet, dass Christus nach seinem Tod die Unterwelt aufsuchte, dort predigte und einen Teil der dort Gefangenen befreite.
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Die Bundesregierung hat 2007 zum Jahr der Geisteswissenschaften ausgerufen. Nachdem in den vergangenen sieben Jahren Technik und Naturwissenschaften (Physik, Lebenswissenschaften, Geowissenschaften, Chemie, Technik, Einstein und Informatik) im Mittelpunkt standen, rücken nun die Vielfalt und Bedeutung der geisteswissenschaftlichen Fächer, ihre Themen und Methoden in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Mit dem Motto: »Die Geisteswissenschaften. ABC der Menschheit« kommt die große Bedeutung der Sprache zum Ausdruck. Die Sprache ist die stärkste Klammer, die die Geisteswissenschaften zusammenhält. Sprache ist die unverzichtbare Basis jeder Art von Denken. Sprache ist Reden, aber auch Mimik und Gestik, Musik und Tanz. Die Geisteswissenschaften definieren sich mit und über Sprache.
Die Vielzahl der Disziplinen wird durch die Begriffe »Vermitteln – Gestalten – Erinnern« geordnet. »Erinnern« und »Vermitteln« sind Aufgaben des großen Bereichs der Sprach- und Kulturwissenschaften. »Gestalten« ist der Schwerpunkt der Kunst und der Kunstwissenschaften.
Wie und worüber die verschiedenen Disziplinen der Geisteswissenschaften in Kiel arbeiten, war schon immer Thema in unizeit. Ab dieser Ausgabe stellen wir jeweils einen exemplarischen Beitrag des Wissenschaftsjahres vor, beginnend mit dem Thema »Literatur und Sprache«. (ne)
www.abc-der-menschheit.de
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