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unizeit Nr. 41 vom 07.04.2007, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Bilanzen aus dem Mittelalter

Das Rechnungsbuch des Basler Kaufmanns Ulrich Meltinger gewährt Einblick in den Handel des Spätmittelalters. Dr. Matthias Steinbrink analysierte und edierte die außergewöhnliche Quelle in seiner Promotion.


Das Meltinger-Buch war alles andere als eine leichte Lektüre. Das in Leder gebundene Werk hat in etwa das Format eines Aktenordners und umfasst mehr als 700 Seiten, davon sind rund 80 Prozent dicht beschrieben mit handschriftlichen Einträgen über Warenkäufe und -verkäufe, Bergwerksbeteiligungen und Verlagsverträgen sowie Immobiliengeschäften und Zinseinkünften. Dr. Matthias Steinbrink hat das über 500 Jahre alte Hauptgeschäftsbuch des Basler Kaufmanns Ulrich Meltinger für seine Promotion nicht nur gelesen und ausgewertet, sondern auch abgetippt, übersetzt und mit Registern versehen. »Das war natürlich mit sehr viel Fleiß- und auch Sucharbeit verbunden. Aber mit der Zeit habe ich mich eingelesen.

Schwierig war es vor allem, die Personen zu rekonstruieren, die für den Kaufmann Bedeutung hatten«, erläutert Dr. Steinbrink. Was ist so spannend an Ulrich Meltinger beziehungsweise an seinem Rechnungsbuch, das diese Mühe erklären würde?

Steinbrink: »Das Buch ist interessant, weil es einen einzigartigen Einblick in die Geschäftspraktiken eines spätmittelalterlichen Kaufmanns gewährt. Und es bildet im Unterschied zu anderen Rechnungsquellen nicht den vor dem Konkurs stehenden, sondern vielmehr den intakten und funktionierenden Handel ab. Aufgrund des Umfangs ist es für den schweizerischen und oberdeutschen Raum eine außergewöhnliche Quelle dieser Zeit. Daher ist es für die Wirtschaftsgeschichte von großem Wert.« Dass es überliefert wurde, haben wir einem Gerichtsverfahren zu verdanken. Im Dezember 1493 wurde Meltinger, der verschiedene Ämter und Funktionen innerhalb der Stadtgemeinde ausübte, angeklagt und eingesperrt. Der Vorwurf: In seiner Funktion als städtischer Pfleger des Siechenhauses St. Jakob an der Birs soll er Gelder unterschlagen, Zinsverschreibungen gefälscht und Personen betrogen haben. Nach Bitten seiner Frau und seiner Freunde kam der Kaufmann gegen Zahlung von 200 Gulden wieder frei.

Sein Geschäftsbuch wurde im Zusammenhang mit dem Verfahren beschlagnahmt. Es umfasst den Zeitraum von 1467 bis zur Inhaftierung 1493. Was verrät es uns über den Handel in dieser Zeit?

»Anhand des Materials kann man sehr schön die geografische Organisation des Handels nachvollziehen. Es gab einen lokalen, einen regionalen und einen überregionalen Handel. Meltinger bewegte sich auf allen drei Ebenen. Er kaufte Waren überregional ein, auf großen Messen zum Beispiel in Frankfurt und Flandern, und verteilte sie auf den lokalen und regionalen Märkten.« Die Haupthandelsschiene lief am Rhein entlang nach Norden. Das nördlichste Ziel war Flandern. In westlicher Richtung reichten seine Handelsbeziehungen bis zum Burgund. Dorthin reiste er aber nicht selbst, vermutlich weil er kein Französisch sprach, sondern schickte seinen Bruder Martin. Rund 1500 Kunden und Lieferanten hat Steinbrink identifiziert. Die meisten davon stammten allerdings aus dem näheren Umkreis Basels.

Meltinger hatte außerdem auch eine Art Ladengeschäft, wo man Bestellungen aufgab oder Ware abholte sowie ausstehende Rechnungen bezahlte. Aber vor allem war der Laden ein Geldhandelsplatz. Der Kaufmann handelte neben seinen Geschäften mit Waren, wie Tuch und Wolle, Eisen, Vieh und Stahl, Fisch, Honig, Getreide und Wein, auch mit Geld. »Er hat Kredite vergeben, unterschiedliche Währungen gewechselt und Geld für Reisen in andere Länder besorgt«, erklärt der Historiker. Damals gab es sehr viele unterschiedliche Währungen mit unterschiedlichem Wert. Meltinger kannte sich mit den Umrechnungskursen aus und hat damit auch ganz gut verdient.

Steinbrinks Fazit: »Ulrich Meltinger war ein Kaufmann, der durch die Vielfalt der Geschäftspraxis und Warenpalette bemüht war, einen größtmöglichen Gewinn bei geringstmöglichem Risiko zu erzielen.« (ne)
Matthias Steinbrink: Ulrich Meltinger – Ein Basler Kaufmann am Ende des 15. Jahrhunderts. Für seine Promotion am Historischen Seminar der CAU erhielt der Historiker den Fakultätspreis 2005. Steinbrink ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität der Bundeswehr München.
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