Stoff für helle Köpfe
Manchmal sind es nur zwei Stückchen Stoff, die der Fachwelt erhebliche Rätsel bereiten, aber dann erhellende Erkenntnisse preisgeben. In neuer Intensität soll dieser Weg bald in einer Graduiertenschule der Kieler Uni beschritten werden.

Fernsehserien, wie hier »Abenteuer Mittelalter«, spiegeln das gesellschaftliche Interesse an der Vergangenheit wider, das auch die Wissenschaft antreibt. Die geht jedoch inhaltlich und methodisch in die Tiefe.
Foto: doc.station GmbH
Claus von Carnap-Bornheim, Professor an der Universität Kiel und zugleich Direktor des Archäologischen Landesmuseums auf Schloss Gottorf, denkt dabei beispielsweise an zwei zirka tausend Jahre alte Textilien. Beide stammen aus Haithabu, dem frühmittelalterlichen Handelsplatz an der Schlei. Das eine ist rau und grob, das zweite dagegen vergleichsweise fein und weich. »Woher kommt dieser Unterschied, und was bedeutet er eigentlich?«, mögen sich die Forscher fragen. Dann können sie erfreut auf eine umfangreiche Infrastruktur innerhalb der Graduiertenschule zurückgreifen. Dort wirken neben Archäologen auch Experten für DNA-Analyse mit. Und die könnten vielleicht herausfinden, dass in dem kratzigen Textil Wolle von ein und derselben Schafsrasse steckt, die dazu noch in der unmittelbaren Umgebung der Fundstelle gehalten wurde. Das weiche Stück Stoff dagegen könnte in diesem konstruierten Fall Haare mehrerer Tiere enthalten, die – so die Arbeitshypothese – von unterschiedlichen Standorten stammen. Diese Tiere – das ergeben die Recherchen der gleichfalls im Boot der Graduiertenschule rudernden Fachleute für Isotopenanalyse – grasten dereinst auf Wiesen weit abgelegen von der späteren Fundstelle des Textils. Es kann also gefragt und untersucht werden, ob das erste Textil einem einfachen Bauern zuzuschreiben ist, der sich weitgehend selbst versorgte, das zweite jedoch einem begüterten Zeitgenossen, der es sich leisten konnte, seiner Haut durch den Zukauf ausgewählter Materialien zu schmeicheln. So führt der Weg vom Textil über Landschafts- und Ressourcennutzung zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen.
Genau das ist es, was nach Überzeugung von Professor Johannes Müller, Direktor des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, die Vorzüge dieses Teils der Graduiertenschule ausmacht: »Hier in Kiel gibt es ein Forschungspotenzial auf diesem Gebiet, das seinesgleichen sucht. Es lebt von der Verbindung zwischen Natur- und Kulturwissenschaften.« Müller, der dieses Kind der jüngsten Qualitätsoffensive an der Universität Kiel als Koordinator wesentlich mitgeprägt hat, erhofft sich von dem wissenschaftlichen Netzwerk, das von Klimaforschung und Ökologie über Alterswissenschaften, Archäologie und Kunstgeschichte bis zur isotopenbasierten Altersbestimmung reicht, erhebliche Wirkung auf die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die im Oktober über den Zuschlag für die Anträge auf Graduiertenschulen entscheiden will. Insgesamt sind es mehr als 25 Lehrstühle der Universität Kiel, die sich zu dieser Initiative zusammengeschlossen haben.
Sollte sich der gewünschte Erfolg einstellen, gäbe es an Arbeitsfeldern und Perspektiven jedenfalls keinen Mangel. In den Magazinen von Schloss Gottorf lagern allein vier bis fünf Millionen Knochenreste, deren interdisziplinäre Auswertung kaum schätzbare Erkenntnispotenziale birgt.
Als Bindeglied zwischen Hochschule und außeruniversitärem Bereich kann Schloss Gottorf beziehungsweise Haithabu zudem laut Claus von Carnap-Bornheim nicht nur seine internationale Forschungskompetenz einbringen. Den Doktoranden könne außerdem ein »sehr konkretes Bild zur außeruniversitären Arbeit im Bereich Archäologie vermittelt« und damit ein viel breiteres Spektrum möglicher Berufe erschlossen werden, sagt der Professor, für den die Graduiertenschule »ein wunderbarer neuer Baustein« ist. »Schloss Gottorf dient uns als konkreter Einsatzort im Land. National und international werden die Graduierten in zahlreichen Projekten mit den 25 Initiatoren gemeinsam forschen. Dabei ist das Fach Archäologie das Bindeglied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften«, erläutert Müller.
Mehr als zuversichtlich sind die Initiatoren unter diesen Bedingungen, dass das Ziel, mit der Graduiertenschule »Entwicklung menschlicher Gesellschaften in Landschaften« talentierten Wissenschaftsnachwuchs aus vielen Ländern anzulocken, kein frommer Wunsch bleiben wird. Schließlich soll das Projekt auch unter diesem Aspekt zeigen, wie bereichernd Vielfalt sein kann. (mag)
Mit dem Projekt »Entwicklung menschlicher Gesellschaften in Landschaften« (siehe obenstehenden Bericht), das von den Geistes- über die Naturwissenschaften bis zur Medizin und Informatik die unterschiedlichsten Disziplinen unter einem gemeinsamen Forschungsschwerpunkt zusammenbringt, bewirbt sich die Universität Kiel im Rahmen der Exzellenzförderung um die Graduiertenschule. Die erste Hürde hat dieser Vorschlag bereits im Januar erfolgreich genommen und damit die Option erworben, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit einer Million Euro pro Jahr gefördert zu werden.
Promovieren unter optimalen Bedingungen – dieses Motto hat sich die CAU zu eigen gemacht und will es auf einer breiten Basis umsetzen. Hier legt die Graduiertenschule quasi als Prototyp gleichzeitig den Grundstein für ein Graduiertenzentrum, das in Kiel erfolgreich bestehende und neue Programme der Doktorandenförderung zusammenfassen soll.
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