Ausgegrenzt und abgekanzelt
Spätaussiedler gelten als rau und gewalttätig. Sind sie das tatsächlich? Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe an der Universität Kiel ging der Kriminalität der Spätaussiedler und ihren Ursachen auf den Grund.

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Die Ergebnisse haben Ostendorf nicht überrascht. »Nahezu alle vorhandenen Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Spätaussiedler in der Kriminalitätsstatistik insgesamt nicht so häufig auffallen. Einen solch eindeutigen statistischen Nachweis haben andere allerdings bislang noch nicht erbringen können. Wir haben aber auch besonders umfassend recherchiert. Wir haben in einem großen Bereich über ein ganzes Jahr Spätaussiedlerkriminalität gezielt erhoben. Das hat es in Deutschland bisher noch nicht gegeben.« Initiiert wurde die Untersuchung durch Kriminaldirektor Günther Kronbügel vom Innenministerium Schleswig-Holstein. Außerdem beteiligt waren neben Ostendorf auch Professor Köhnken vom Institut für Psychologie sowie die Kriminologin Susan-Katrin Zunker.
Die Arbeitsgruppe entwickelte einen speziellen Erfassungsbogen für die Polizei im Bereich der Polizeidirektion Schleswig-Holstein Mitte. Hierzu gehören die Kreise Rendsburg-Eckernförde, Segeberg und Plön sowie die Städte Kiel und Neumünster. Alle im Jahr 2003 ermittelten Vorgänge wurden entsprechend diesem Erfassungsbogen registriert. »Immer wenn ein Spätaussiedler einer Straftat verdächtigt wurde, füllten die Beamten diesen Bogen aus. Er enthielt unter anderem Angaben zum Verdächtigten (Herkunftsland, Einreisedatum) sowie zum Opfer. Damit haben wir eine verlässliche Grundlage geschaffen über die Zahl der Straftaten in einem Jahr, die Spätaussiedlern zugeschrieben werden«, erklärte der Jurist Ostendorf.
Die Ergebnisse in Zahlen: Von den rund 21.300 registrierten Spätaussiedlern im untersuchten Bezirk waren 2,8 Prozent kriminell auffällig, 97,2 Prozent verhielten sich gesetzestreu. Im Vergleich zur deutschen Bevölkerung fallen Spätaussiedler weniger bei der Polizei auf: Umgerechnet auf je 100.000 Personen wurden 2.814 deutsche Tatverdächtige, aber nur 2.092 tatverdächtige Spätaussiedler registriert.
Zusätzlich zu Umfang und Struktur der Spätaussiedlerkriminalität interessierten sich die Wissenschaftler auch für die Hintergründe der Taten. Um Risikofaktoren zu identifizieren, die eine Integration im Aufnahmeland erschweren oder sogar scheitern lassen, analysierten sie die Personalakten (Lebensläufe, Zeugnisse, Strafurteile, Verhalten/Straftaten im Knast, Disziplinarmaßnahmen) von gefassten Straftätern, die in schleswig-holsteinischen Gefängnissen eine Haftstrafe absitzen. Russisch sprechende Studierende vom Institut für Psychologie führten zudem mit einer Teilgruppe der Inhaftieren Intensivinterviews. Zum Vergleich wurden auch deutsche und ausländische Inhaftierte interviewt und deren Personalakten analysiert. Ergänzend dazu führten die Wissenschaftler Gesprächsrunden mit Spätaussiedlern und deren beruflichen Kontaktpersonen.
»Eine andernorts beschriebene Mafiastruktur der Spätaussiedler konnten wir in Schleswig- Holsteins Gefängnissen nicht nachweisen«, versicherte Ostendorf. Auffällige Ergebnisse gab es dennoch. So bereiten weniger die frisch Zugezogenen Probleme, als vielmehr diejenigen, die schon zehn Jahre und länger in Deutschland leben. Auffällig ist auch, dass Spätaussiedler unter den Gefangenen deutlich bessere Schulabschlüsse als Deutsche und Ausländer vorweisen. Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben sie dennoch nicht, da ihre Abschlüsse aus den Herkunftsländern hier offensichtlich nicht so viel zählen. Hinzu kommen Probleme mit der deutschen Sprache.
In der Auswertung kristallisieren sich eine Reihe von Risikofaktoren heraus. Hierzu zählen die Perspektivlosigkeit und die Unzufriedenheit mit der schlechten sozialen Situation sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch. Hinzu kommen spezifische Faktoren wie der sehr autoritäre Erziehungsstil und ein anderer Umgang mit Gewalt. »Konflikte wurden in ihrer Heimat körperlich gelöst, nicht verbal. In verbalen Auseinandersetzungen fühlen sich junge Aussiedler hilflos, das kompensieren sie mit Aggression und Gewalt«, so Ostendorf. »Die Daten zeigen, wir haben kein grundsätzliches Kriminalitätsproblem mit Spätaussiedlern.
Bei der Gruppe, die uns Sorgen macht, kommen Risikofaktoren zusammen, die vorrangig mit der sozialen Randständigkeit zu tun haben. Hier müssen wir im Hinblick auf die Kriminalprävention ansetzen.« Ausgehend von der Untersuchung haben die Wissenschaftler Vorschläge erarbeitet, wo die Integrationsmaßnahmen ansetzen müssen und wie man einer kriminellen Entwicklung vorbeugen kann. Entscheidend für das Gelingen der Integration sei unter anderem die Sprachförderung der Aussiedler, mit der möglichst früh begonnen werden sollte. Wichtig sei auch, Spätaussiedler aus ihrer Außenseiterrolle zu holen und sie in das kommunale Leben einzubeziehen. (ne)
Zum Weiterlesen:
Heribert Ostendorf (Hrsg.): Kriminalität der Spätaussiedler – Bedrohung oder Mythos. Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden, 2007
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