Kriminalistik und Konzertsaal
In internationaler Kooperation arbeiten Musikwissenschaftler mit detektivischem Spürsinn an der Neuausgabe des gesamten Werkes von Johannes Brahms. Ein Bericht von Dr. Michael Struck und Dr. Katrin Eich.

Erste Notenseite aus Brahms’ eigenhändiger Partiturniederschrift der 1. Serenade op. 11, Ausschnitt.
Foto: mit freundlicher Genehmigung des G. Henle Verlages, München
Sämtliche Werke von Brahms werden in der Brahms-Ausgabe nach und nach »historischkritisch« ediert. Das heißt, ihr Notentext wird anhand der Manuskript- und Druckquellen sorgsam überprüft, korrigiert und kommentiert. Außerdem wird die jeweilige Werk- und Wirkungsgeschichte erforscht. Diese grundlegende Überarbeitung ist erforderlich, da die alte Brahms-Ausgabe von 1926/27 unvollständig und wissenschaftlich stark veraltet ist. Zudem sind inzwischen viele verschollen geglaubte oder unbekannte Quellen aufgetaucht.
Musgraves jahrelange, von der Kieler Brahms- Forschungsstelle kräftig unterstützte Arbeit am Serenaden-Band ist typisch für die musikwissenschaftlich- philologische Grundlagenforschung einer Gesamtausgabe, die im Falle von Brahms weltweit konkurrenzlos ist: Alle erreichbaren Manuskripte und Frühdrucke der Serenaden mussten akribisch miteinander verglichen werden. Hierbei tauchten zahlreiche Abweichungen zwischen den handschriftlichen Quellen und den darauf basierenden Frühdrucken auf. Das betrifft Noten und Lautstärkeangaben ebenso wie Artikulation und andere Spielanweisungen. Der Herausgeber musste bei jeder dieser Abweichungen entscheiden, ob es sich um gewollte Änderungen des Komponisten handelte oder um ungewollte Fehler von Kopisten oder Notenstechern. Die Entscheidungen darüber wurden zwischen Kiel und New York intensiv diskutiert. Die Änderungen im Notentext erläutert der Herausgeber im Editionsbericht, dem Kernstück jeden Bandes.
Über die Entstehung der Serenaden, ihre Aufführungs- und Veröffentlichungsgeschichte sowie Urteile von Zeitgenossen informiert das Einleitungskapitel des Bandes. Grundlage hierfür war vor allem Brahms’ Briefwechsel. Dessen Auswertung erforderte eine geradezu detektivische Arbeit, wenn beispielsweise zu klären war, von welcher der beiden kurz nacheinander komponierten Serenaden gerade die Rede war. Auch die zeitliche Einordnung der zumeist undatierten Briefe bereitete manche Mühe. Zum Kompositionsprozess der 1. Serenade zeichnet das Einleitungskapitel den Weg von der verschollenen Kammermusikfassung bis zur Druckgestalt »für großes Orchester« nach. Im Editionsbericht werden Brahms’ kompositorische Änderungen bei der Niederschrift und späteren Überarbeitung der Partitur dokumentiert. Solch hochinteressante Blicke in seine Komponistenwerkstatt sind selbst für erfahrene Brahms-Forscher eine Herausforderung, da Brahms das ursprünglich Geschriebene oft fast unlesbar machte. Dem neuen Band sind bereits sieben vorangegangen. Sie enthalten die ersten drei Symphonien, das Violin- und Doppelkonzert, das Klavierquintett sowie die Streichquartette und liegen teilweise auch schon in »praktischen « Ausgaben (Dirigier- und Studienpartituren, Urtextausgaben und Stimmensätzen) vor. Diese sowie die Gesamtausgabe selbst erscheinen im Münchner G. Henle Verlag. Weitere Bände befinden sich teils im Druck, teils in der Redaktion.
So fruchtbar die internationalen Forschungskontakte sind, wird doch in Kiel dringend eine dritte Mitarbeiterstelle benötigt, wie sie bei deutschen Musiker-Gesamtausgaben Mindeststandard ist. Der Schlüssel dazu könnte ein von der Fritz Thyssen Stiftung finanziertes zweijähriges Projekt am Musikwissenschaftlichen Institut sein. Hier erforscht Dr. Johannes Behr Tür an Tür mit der Brahms-Ausgabe den Drucklegungsprozess des 2. Klavierkonzertes. Es bleibt also spannend in Sachen Brahms.
Brahms im Norden
Die neue Brahms-Ausgabe wird – nach zwei Pilotprojekten – seit 1991 von der Bundesrepublik und dem Land Schleswig-Holstein finanziert; die Koordination liegt bei der Mainzer »Union der deutschen Akademien der Wissenschaften«. Den Trägerverein der Brahms-Ausgabe leitet seit Oktober 2006 der Kieler Musikwissenschaftler Professor Siegfried Oechsle als Nachfolger von Professor Friedhelm Krummacher. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Brahms-Forschungsstelle, Dr. Michael Struck und Dr. Katrin Eich, arbeiten eng mit auswärtigen Herausgebern zusammen, zu denen Spezialisten wie der Engländer Professor Robert Pascall (Nottingham) und Serenaden-Herausgeber Professor Michael Musgrave gehören. Mitherausgeberin der Ausgabe ist die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (deren Ehrenmitglied der Hamburger Wahl-Wiener Brahms einst war). Per Kooperationsvertrag ist die Forschungsstelle, für die die Anbindung ans Musikwissenschaftliche Institut der Kieler Universität unverzichtbar ist, auch mit dem Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck verbunden, so dass das Zentrum deutscher Brahms-Forschung in Norddeutschland liegt.
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