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unizeit Nr. 42 vom 26.05.2007, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Verliebte und Verrückte

Bretter, die die Welt bedeuten, gibt es auf dem Campus jetzt schon seit 60 Jahren. Zum Jubiläum spielen alle studentischen Theatergruppen gemeinsam einen Klassiker.


»Du findest sicher morgen mitternacht Mich an dem Platz, wo wir es ausgemacht!« Tinchen alias Hermia und Ben alias Lysander sind schon ein perfektes Paar. Foto: pur.pur

Barfuß steht sie da, mit hängenden Schultern, und heult. Das Heulen wird zu einem herz­zerreißenden Schluchzen. Ihre Schultern beben, die Taschentücher türmen sich zu ihren Füßen. Und die junge Frau auf der Bühne ist nicht etwa durch ihre letzte Klausur gefallen: Sie probt für das Theaterstück »Ein Sommernachtstraum« von William Shakespeare, das schon in vier Wochen aufgeführt werden soll. Heute haben sich die »Liebespaare« getroffen, um ihre Szenen durchzugehen: Helena ist unglücklich in Demetrius verliebt, der nur Augen für Hermia hat, die wiederum mit ihrem heimlichen Geliebten Lysander in den Wald entflohen ist. Alexandra Göpfert schaut aufmerksam zu – denn sie ist die Regisseurin und leitet schon seit 1999 die Theatergruppe »Alptraumtänzer«, eine von derzeit 16 Studentischen Arbeitsgemeinschaften im Studentenwerk Schleswig-Holstein.

Hier berät und fördert eine eigene Abteilung seit 60 Jahren die verschiedenen Gruppen. Zur Feier des Jubiläums proben sie nun ein Stück, das mit Studierenden aller Theatergruppen besetzt ist.

Direkt nach dem 2. Weltkrieg entstand die »Abteilung für kulturelle Bildung« zur künstlerischen Betätigung im Studentenwerk. Damals mussten sich die Kulturbegeisterten mit einigen kleinen Räumen in einer ehemaligen Arbeitsdienstbaracke und einer winzigen Bühne zufriedengeben. Heute gibt es den Sechseckbau mit gut ausgestatteter Bühne, zusätzlich ein Ton- und Filmstudio, eine umfangreiche Fachbibliothek und viele Seminare zu den unterschiedlichsten Themen rund um Kunst. Dies ist nicht selbstverständlich: Im gesamten Bundesgebiet gibt es nur zwei Studentenwerke neben dem Kieler, die überhaupt eine Abteilung für kulturelle Arbeit besitzen. Die Abteilung in Kiel ist deutschlandweit die größte und bietet das breiteste Angebot. »In den sechziger Jahren war gesellschaftlich klar, dass die Uni nicht primär für Ausbildung da ist, sondern für Bildung an sich. Das sollte heute nicht aus den Augen verloren werden – und zur Bildung gehört für mich maßgeblich auch künstlerische Bildung«, so Diethard Pieske, seit fast 20 Jahren Leiter der Studentischen Arbeitsgemeinschaften.

Alexandra bläst Luft in ihre gefalteten Hände. Der Ruf eines Käuzchens hallt über die Bühne, die nächtliche Waldszene bekommt etwas Mystisches. Während Hermia und Lysander heiße Küsse auf dem »Waldboden« austauschen, verfolgt Dominik, der den Demetrius spielt, hinter der Bühne alles genau im Rollentext. Wie in vielen seiner Stücke sind auch hier die Charaktere, nach Shakespeares eigenen Worten, Verliebte und Verrückte. Oder beides – kaum eine Szene ist nicht mehrdeutig.

Alexandra, die ihr Studium vor einiger Zeit unterbrochen hatte, um als Regieassistentin am Wilhelmshavener Theater zu arbeiten, schaut mit professionellem Blick auf ihre Schauspieler: »Ihr müsst auf eure Anschlüsse achten. Das ist schon ganz toll, aber jetzt will ich mehr Tempo, Spiellust. Und traut euch, noch offener zu sein.« In der »heißen Phase« der Proben, also in den letzten drei Wochen vor der Premiere, ist sie jeden Tag mindestens acht Stunden mit Planen, Proben und Koordinieren beschäftigt. Da passt es gut, dass sie das Lehramtsstudium vor einigen Wochen beendet hat und nun auf einen Referendariatsplatz wartet, »sonst könnte ich mir diesen Zeitaufwand kaum leisten.« Vor allem beim Sommernachtstraum: »Wir haben extra dieses Stück gewählt, weil es so viele Rollen bietet. Damit beim Jubiläum jeder mitspielen kann, der Lust hat. Inzwischen haben wir ein richtiges kleines Elfenheer.«

Neben den 15 Elfen und 18 Textrollen gibt es noch Maskenbildner, Bühnenbauer und viele andere Helfer, insgesamt sind über 40 Personen beteiligt, darunter auch das Studentenwerk höchstpersönlich in persona von Diethard Pieske. Als er 1970 anfing, an der Uni Englisch zu studieren, gab es keine einzige Theatergruppe. Er selbst hat damals die English Theatre Group gegründet, später ging er zum Kabarett. Selbstverständlich wird er beim Jubiläumsstück dabei sein, als ältester Schauspieler unter den Studenten spielt er den Anführer der Handwerker. »Im Originaltext heißt der Peter Squenz – für das Jubiläumsstück haben wir ihn in Diethard Squenz umbenannt«, erzählt der Leiter, und seine Augen blitzen.

In den letzten 60 Jahren haben die Theatergruppen des Studentenwerkes über 240 Stücke auf die Bühne gebracht. Dabei haben auch einige Größen aus Film und Fernsehen in den Studentischen Arbeitsgemeinschaften in Kiel ihre ersten Erfahrungen gesammelt, so zum Beispiel der Tatortkommissar Axel Milberg, der Regisseur Lars Büchel oder der ehemalige Leiter des »Heute«-Journals Wolf von Lojewski.

Beim Studentenwerk kann jeder Studierende aus Kiel eine Theatergruppe mit einem Stück anmelden. Professionalität wird dabei nicht vorausgesetzt, aber Pieske versucht, seinen Schützlingen so etwas wie kulturelle Qualität zu vermitteln: »Mir ist wichtig, dass die Gruppen sich von Stück zu Stück weiterentwickeln. Es gibt eine Schonzeit für Anfänger, aber dann will ich Prozesse sehen.« Nicht umsonst sind die Theaterstücke im Sechseckbau für ihr hohes spielerisches Niveau bekannt. »So was erreicht man nur mit engagierten und guten Leuten, wie zum Beispiel Alexandra.«

Die freut sich inzwischen, dass die Szene schon so gut klappt, in der Demetrius vor der liebestollen Helena flieht: »Perfekt, dass ihr jetzt so erschöpft seid! Wisst ihr, die beiden, Helena und Demetrius, die fühlen sich genauso, die sind schon viel weiter gerannt als ihr hier auf der Bühne – also gleich noch mal!« Lachen, Schulterklopfen, einmal tief durchgeatmet – und dann wird die Szene noch mal wiederholt. Bis zur Premiere am 22. Juni ist nicht mehr viel Zeit. (jz)
Ein Sommernachtstraum
Oberon, der König der Elfen, steckt in einer Ehekrise: Er ist eifersüchtig auf einen Menschenjungen, den seine Frau Titania wie ihren eigenen Sohn aufzieht – und die beiden bringen mit ihrem Streit die Natur völlig durcheinander. Die Menschen außerhalb des Waldes glauben schon an einen Fluch, als Oberon mithilfe des Kobolds Puck seine Frau verzaubern will. Nun nimmt das Verwirrspiel seinen Lauf: Hermia und Lysander lieben sich, doch als sie den Wald betreten, wird Lysander von Puck mit dem Zaubersaft beträufelt – und liebt nun Helena. Diese ist aber verrückt nach Demetrius; der wiederum ist Hermia in den Wald gefolgt, da sein Herz für sie schlägt. Auch bei der Elfenkönigin Titania hat der Trank gewirkt: Sie verliebt sich unsterblich in den Laienschauspieler Zettel, der von Puck einen Eselskopf verpasst bekommen hat.

Die heitere Komödie von William Shakespeare wird am 22., 24., 25., 27. Juni und 1. Juli im Sechseckbau zu sehen sein. Karten gibt es ab dem 6. Juni in der Mensa II sowie im Zimmer 2 des Studentenwerks, Westring 385. (jz)
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