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Nr. 43, 22.07.2007  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Es ist ein Tell!

Wissenschaftler des Ökologiezentrums erkunden in Kooperation mit Archäologen aus Sachsen-Anhalt den bisher einzigen Siedlungshügel nördlich der Alpen.


Diese Luftaufnahme wurde im Frühjahr 2007 gemacht. Nachdem das Gebiet des Tells (Bildmitte) freigelegt und die Ausgrabungen genau dokumentiert waren, kann dort jetzt die Autobahntrasse gebaut werden. Foto: U. Petzschmann

Ein Hügel, rund 100 Meter lang, 150 Meter breit und keine zwei Meter hoch, beschäftigt die Fachwelt. Die Erhebung selbst, rund 100 Kilometer westlich von Halle an der Saale, ist zwar wenig spektakulär. Aber archäologisch ist sie eine Sensation: ein Siedlungshügel, auch Tell genannt, den man bisher nur aus südlicheren Gefilden kannte. In der Archäologie bezeichnet das arabische Wort Tell eine Erhebung, die durch wiederholte Besiedlung entstanden ist. »Es ist wunderbar zu erkennen, in Abweichung vom sonst Üblichen, dass ein Ort nicht beseitigt wurde, sondern dass man auf den Resten des alten Dorfes das nächste gegründet hat«, erklärt Professor Hans-Rudolf Bork. Üblicherweise wurde in nördlichen Gefilden ein altes Haus abgerissen und der Schutt abtransportiert, ehe man ein neues baute. Daher findet man normalerweise kaum Reste des früheren Hauses. »Hier ist das Schöne, dass Reste – Fußböden, eingefallene Mauern und auch Gräber – immer noch erhalten geblieben sind. Man sieht förmlich das Aufwachsen des Hügels über die Zeiten hinweg«, freut sich der Geoarchäologe.

Genauer gesagt, sah man es. Denn der Hügel musste der Trasse für die im Bau befindliche A 71, die Göttingen mit Halle verbindet, zum größten Teil weichen. Forscher des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Halle – »das sind die mit der Himmelsscheibe von Nebra«, so Bork – haben die Siedlungsreste vor etwa einem halben Jahr entdeckt, als sie im Vorfeld des Autobahnbaus das Gelände sondierten. Innerhalb kürzester Zeit – der Autobahnbau musste ja weitergehen – haben sie rund 10.000 Befunde im Gebiet des Tells freigelegt, fotografiert und dokumentiert sowie mehrere 10.000 Funde ausgegraben und in Sicherheit gebracht. Befunde nennt der Archäologe solche Überreste, die an Ort und Stelle erhalten sind, also Hausfußböden, Brunnen oder Gruben. Funde dagegen sind Keramikbruchstücke, Metallstücke oder Knochen, die überallhin verteilt worden sein können.

Landesamtsleiter Professor Harald Meller hatte Bork gebeten, die Grabungen zu unterstützen. »Wir sollten genau untersuchen, ob der Hügel wirklich ein Tell ist, oder ob nicht andere Vorgänge dazu geführt haben, dass dieser Hügel entstanden ist.« Bork ist Professor für Ökosystemforschung. Seine Arbeitsgruppe ist die einzige in Deutschland, die den Einfluss des Menschen auf Landschaften in dieser spezifischen Form untersucht. Wo andere nur ein Baggerloch sehen, haben sie die Entstehungsgeschichte einer Landschaft oder Siedlung vor Augen. Bork: »Wir verknüpfen Archäologie mit Geographie, Geologie, Hydrologie, Klimatologie und noch mehr. Wir sind eingeladen worden, weil wir sehen können, was natürliche Prozesse sind und welche vom Menschen ausgelöst wurden.« Mit Hilfe der Befunde, die in den einzelnen Bodenschichten stecken, können diese datiert werden. »Der Bereich des Tellkörpers lässt sich von den durch Wasser oder Bodenbearbeitung abgetragenen Erdschichten gut unterscheiden. Im Tellbereich findet man zum Beispiel erhaltene Hausfußböden oder Brunnen, die die Archäologen zeitlich einstufen können, während abgetragene Erdschichten durchsetzt sind mit bunt durcheinander- gewirbelten Keramik- oder Metallstücken«, ergänzt Borks Mitarbeiter Dr. Stefan Dreibrodt, der die geoarchäologischen Untersuchungen vor Ort leitet. Das Ergebnis der Kieler Wissenschaftler ist eindeutig: »Es ist ein Tell. Nur nicht so groß, wie die, die man aus Südosteuropa und dem Nahen Osten kennt.« Wie er sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat, haben die Kieler Ökosystemforscher mittlerweile in einem Modell rekonstruiert. Die erste Besiedlung des Hügels beginnt in der Jungsteinzeit und liegt etwa 7.500 Jahre zurück. Sie reicht mit Unterbrechungen bis zur römischen Kaiserzeit.

Die Arbeiten vor Ort sind noch nicht abgeschlossen. Dreibrodt: »Unser Ziel ist nicht nur zu schauen, wie sich die Siedlung entwickelt hat, sondern auch, wie die dort ansässigen Menschen ihre Umgebung verändert haben. Welche Stoffe sind aus dem Umland in die Siedlung hineingeflossen? Wie wurde die Landschaft über die Jahrtausende genutzt?« Einige dieser Fragen soll Clara Marie Lubos beantworten. Die Doktorandin wird die Landschaft rings um den Siedlungshügel untersuchen und nach Spuren forschen, die auf die Nutzungstätigkeiten der Menschen schließen lassen. Dazu wird die Agrarwissenschaftlerin vor Ort Bodenprofile anschauen, Proben entnehmen, analysieren lassen und schließlich die Ergebnisse auswerten.

Ein Befund beschäftigt die Kieler Wissenschaftler zurzeit besonders: die geringe Dichte des Hügels. »Der Hügel ist sehr leicht. Normalerweise wiegt ein Stück Boden das Anderthalbfache von dem, was der Boden dort wiegt.« Möglicherweise hat die Zufuhr großer Mengen organischen Materials wie Stroh, Heu oder Holz ein derart leichtes Gefüge geschaffen. Aber eine schlüssige Theorie dazu fehlt noch. Vielleicht findet Lubos die Antwort in ihrer Promotion. Unterstützung erhofft sich die Wissenschaftlerin durch die im Rahmen der Exzellenzinitiative beantragte Graduiertenschule »Entwicklung menschlicher Gesellschaften in Landschaften«.

Kerstin Nees

Mehr zum Thema:
Hans-Rudolf Bork: Landschaften der Erde unter dem Einfluss des Menschen. Darmstadt 2006.
Ökosystemforschung
Menschen nutzen Landschaften der Erde zum Teil seit Jahrtausenden. Wenig ist bekannt über die Auswirkungen der Landnutzung in der Vergangenheit auf das Klima, die Oberflächenformen, die Böden und Gesteine, die Wasser- und Stoffhaushalte.

Wie beeinflusste der Mensch die Entwicklung an und unter der Erdoberfläche? Welche Spuren haben Menschen in den Landschaften hinterlassen? Methoden, mit denen die Spuren menschlichen Handelns aufgefunden, quantifiziert und interpretiert werden, bezeichnet man als Ökosystemanalyse.
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