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unizeit Nr. 44 vom 27.10.2007, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Stille Wasser?

Baulärm unter Wasser ist vor allem für Meeressäuger eine Qual. Um sie zu schützen, entwickeln Forscher aus Büsum eine Art mobile Schallmauer.


Die Idylle trügt: Seehunde und Wale leiden unter dem Lärm in Nord- und Ostsee. Foto: sb2k

Die Mauer besteht nicht aus Stein oder Beton, sondern aus Luftblasen, die von einem Kom­pressor erzeugt werden. »Die Idee ist, um die Lärmquelle herum einen Schleier aus Luftblasen aufsteigen zu lassen«, berichtet Klaus Lucke vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum. »Der Schleier ist natürlich nicht geschlossen, sondern setzt sich aus verschieden großen Luftblasen zusammen, die unterschiedlich schnell aufsteigen.« Unter Wasser wirkt die »Luftblasenwand« ähnlich wie eine Schallschutzmauer. Aller dings prallt der Schall nicht nur ab, er wird auch gestreut und von den Luftblasen absorbiert. Entscheidend ist, »auf der einen Seite ist es laut, auf der anderen Seite leiser«, so Lucke. »Wir haben in ersten Versuchen mit einem relativ simplen Ansatz eine Schallreduktion um 16 Dezibel erreicht.«

Getestet hat der Meeresbiologie das Prinzip im »Fjord & Bælt Centre«, einem Meeres­erlebniszentrum in Kerteminde, Dänemark. »Ich hatte hier die einmalige Gelegen heit bei Bauarbeiten in der Hafenanlage nicht nur die physikalische, sondern auch die biologische Wirkung zu testen. Denn dort leben Schweinswale und Seehunde in Gefangenschaft.« Als Reaktion auf die lautstarken Bauarbeiten unter Wasser zeigten die Tiere Verhaltens­auffälligkeiten. Sie seien förmlich aus dem Wasser gesprungen. Daraufhin hat der Büsumer Forscher den Luftblasenschleier aufgebaut. »Er hat von Anfang an hervorragend funktioniert. Die Tiere sind von einem Augenblick auf den anderen wieder zu ihrem normalen Verhalten zurückgekehrt.«

Lucke plant jetzt, den Luftblasenschleier zu einem Produkt für Baufirmen weiterzuentwickeln. Damit sollen sie eine Technik an die Hand bekommen, die mit relativ geringem Kostenaufwand den Baulärm reduziert. »Wir haben bereits eine Firma gefunden, mit der wir zusammenarbeiten wollen. Die Forschungsarbeiten sollen in einem Folgeprojekt über das Kompetenzzentrum Wind energie laufen.«

Wie wichtig eine solche Entwicklung ist, zeigen andere Arbeiten des Meeresbiologen, der sich schon seit Jahren mit den Auswirkungen von Lärm auf die heimischen Meeressäuger beschäftigt. »Seehunde, Kegelrobben und vor allem Schweinswale sind voll­ständig auf ein funktionierendes Gehör angewiesen. Sie können zwar unter Wasser auch sehen, aber hauptsächlich nutzen sie ihren akustischen Sinn, um Nahrung zu finden und möglicherweise, wie andere Wale auch, um sich zu verständigen.«

Durch Explosionen oder häufig wiederholte hoch intensive Geräusche können sie einen dauerhaften Hörschaden erleiden. Sie sind dann nicht mehr in der Lage, leise Geräusche oder Echos ihrer Echolokationssignale wahrzunehmen. Das bedeutet, sie werden weniger Nahrung finden.

Wie laut es sein darf, bevor Schweinswale einen Hörschaden davontragen, hat Lucke in einem anderen Projekt untersucht. Als Schwellenwert ermittelte er eine Lärmbelastung von 200 Dezibel. »Mit den neuen Werten wird deutlich, dass viele Bauvorhaben diese überschreiten werden.« Eine erhebliche Lärmbelastung wird zum Beispiel beim Bau der geplanten Offshore-Windparks erwartet. Die Pfähle, auf denen die Windkraftanlagen später stehen, werden mit Wucht in den Boden gerammt. Dabei entsteht bei jedem Stoß ein Schall von 225 bis 260 Dezibel Lautstärke. Zum Vergleich: Der Start eines Düsenjets in 30 Meter Entfernung hat etwa 150 Dezibel, ein Presslufthammer in ein Meter Entfernung 100 Dezibel. Um sie mit den Dezibel-Werten unter Wasser annähernd vergleichen zu können, muss man zu diesen Werten 60 Dezibel dazuaddieren. (ne)
Keine Schallgrenze im Meer
Zurzeit sind der Lärmbelastung unter Wasser keine Grenzen gesetzt, weder durch Richtlinien noch durch Gesetze. Es gibt keine Auflagen für Baufirmen oder andere Lärmerzeuger im Meer. Zuständig hierfür wäre das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Da es bisher keine Anhaltspunkte dafür gab, ab welcher Schallgrenze Tiere geschädigt werden, hat die Behörde auch keine Vorgaben zum Schallschutz herausgegeben. Die Situation ist jetzt eine andere. Klaus Lucke vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum hat die Schmerzgrenze von Meeressäugern in aktuellen Forschungsarbeiten beziffert. Seine Arbeit wird in Kürze veröffentlicht. (ne)
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