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Nr. 44, 27.10.2007  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Gott und die Welt

Als Professoren sind sie Männer und Frauen des Wortes, als Menschen halten sie es bisweilen ebenso mit dem lieben Gott wie mit der Wissenschaft. Was liegt da näher, als beides miteinander zu verbinden und die Professoren predigen zu lassen?


Idyllisch zwischen Wald und Wiesen liegt die Kapelle »Zum ewigen Troste«. Foto: pur.pur

Seit 33 Jahren wird in der Waldkapelle »Zum ewigen Troste« in Neuwühren die Tradition der Professorenpredigten gepflegt, jeden ersten Sonntag im Monat. Zahlreiche Herren und zumeist nur wenige Frauen schreiten zum Predigerpult. Allesamt lehren sie an der Hochschule und einmal im Jahr tauschen sie ehrenamtlich den Hörsaal mit dem kleinen, gerade mal 30 Sitzplätze bietenden Kirchenraum der Waldkapelle. Ingenieurwissenschaften, Mathematik, Medizin, Nordistik und natürlich Theologie: Die Liste der Fachrichtungen liest sich wie ein kleiner Querschnitt der Universität.

Darauf ist man stolz in der idyllisch von Wiesen und Bäumen umsäumten Waldkapelle zwischen Raisdorf und Preetz. So wie man überhaupt auf allerhand stolz sein kann in diesem weithin besonderen Gotteshaus, das seit 1967 vom Kapellenverein Neuwühren unterhalten wird und damit die einzige derart derart organisierte Kirche in Schleswig-Holstein überhaupt ist.

Nach dem Motto »Wenn schon besonders, dann richtig« leistet sich das Häuflein Ehrenamtlicher, die für Erhalt und Betrieb des Kirchleins keinen Cent Kirchensteuer sehen, neben den Professorenpredigten noch andere Exklusivitäten. Seit vielen Jahrzehnten erschallt das Gotteslob in Neuwühren einmal im Monat auf Platt. Und auch wenn niemand so genau weiß, ob es am Charme des Niederdeutschen oder an der Kaffee- und Kuchenrunde liegt, die sich regelmäßig nach dem letzten Amen formiert, stets sind diese Gottesdienste bestens besucht.

Ebenso wie die ohne süße Beigabe gehaltenen Professorenpredigten, zu deren nach Dienst- und Lebensjahren ältesten Akteuren der Astrophysiker Professor Volker Weidemann gehört. »Ich bin gefragt worden, ob ich das nicht machen wolle, weil meine Disziplin ja sowieso eine gewisse Nähe zum Himmel aufweise«, erinnert sich der 83-Jährige schmunzelnd daran, wie er 1985 zu seinem ersten Auftritt in Neuwühren kam. Seither ist Weidemann jedes Jahr von Neuem dabei, wenn umgeben von Bäumen und Vogelgezwitscher der Dialog zwischen Gott und den Gelehrten gepflegt wird.

Volker Weidemann ist ein Veteran der predigenden Professoren in Neuwühren. Foto: mag

Und jedes Jahr bemüht er sich, Religion und Wissen­schaft in seinen Predigten zueinander zu bringen. So wie dieses Mal, als er seinen Zuhörern von einer jüngst in einem Kolloquium vorgestellten Himmelskarte berichtete, die nicht mit Sternen besetzt war, sondern »mit Gammastrahlungs- und Röntgenquellen, die in kosmologischen Entfer­nungen stehen müssen und hochenergetischer strahlen als selbst Supernovae und Quasare.« Die physikalische Ursache dieser Strahlungsausbrüche sei zwar noch unbekannt, wohl aber sei nicht auszuschließen, dass sich Mensch- und Christenheit wie einst nach Galilei auf ein völlig neues Weltbild einstellen müssen. »Die Sterne ziehen dahin und leuchten in ihrer Ordnung mit Freuden«, zitierte Weidemann aus der Bibel, um hinzuzufügen: »Jetzt müssen wir erschrecken vor der ungeheuren Dynamik im frühen Kosmos, vor der Wirksamkeit von noch unbekannten Kräften, die das Bild unserer Standard-Urknall-Kosmologie verändern dürften und damit auch neue theologische Fragen aufwerfen.«

Und so trafen sie sich wieder, die großen Fragen der Naturwissenschaft, der Religion und letztlich des Glaubens. Ganz ähnlich wie in den anderen Professorenpredigten, die trotz völlig verschiedenartiger Inhalte und Herangehensweisen immer wieder gleichermaßen Herz und Hirn berühren, ans Wissen und ans Fühlen appellieren. Wenn der Germanist Friedhelm Debus Liedtexte von Paul Gerhardt interpretiert oder die Nordistin Edith Marold über anthropomorphe Gottesvorstellungen sinniert, passiert immer wieder das, was eine Stammbesucherin so formuliert: »Man betrachtet wohlbekannte Stellen aus der Bibel plötzlich von einer ganz anderen Seite und lernt außerdem immer wieder etwas dazu.« (mag)
Die nächsten Professorenpredigten in der Waldkapelle »Zum ewigen Troste« in Neuwühren halten am 4. November die Nordistin Edith Marold und am 2. Dezember der katholische Theologe Franz-Josef Niemann. Beginn ist jeweils um 15 Uhr.
Allgemeines Priestertum
Laienpredigten wie die der Professoren in Neuwühren gehören zu den uralten Traditionen der evangelischen Kirche. »Jeder kann das Wort Gottes verkünden«, beschreibt Propst Matthias Petersen vom Kirchenkreis Plön das zu Grunde liegende Prinzip. Petersen betrachtet Beiträge von nicht ordinierten Gläubigen als »willkommene Bereicherung« der Verkündigungsarbeit und kennt zahlreiche Gemeinden, die zu besonderen Anlässen Frauen und Männer, die nicht vom theologischen Fach kommen, auf die Kanzel bitten. Politiker, Ärzte, Lehrer, Unternehmer, sie alle können und dürfen darüber reden, wie es sich aus ihrer Sicht mit Gott und der Welt verhält. Die Professorenpredigten in Neuwühren bezeichnet der Propst als »hoch spannende Angelegenheit« und herausragende Verkörperung des »Prinzips des allgemeinen Priestertums «. Alljährlich bekommt Petersen die Predigttexte aus der Waldkapelle Neuwühren in Form eines kleinen Sammelbands und ist »immer wieder erfreut und erstaunt, was für tiefgründige und kluge Gedanken da drin stehen.«

Konkurrenz seitens der Gelehrten oder Vertreter anderer Berufsstände müssen Petersen und Kollegen dabei nicht fürchten. Amtshandlungen wie Eheschließungen oder Taufen bleiben auch in der evangelischen Kirche allein den ausgebildeten Pastoren vorbehalten. (mag)
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