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unizeit Nr. 44 vom 27.10.2007, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Heißes Eisen Agrarpolitik

Unwirtschaftliche Beschlüsse stehen bei europäischen Agrarpolitikern auf der Tagesordnung. Carsten Struve entdeckte dahinter Methode.


Die Agrarpolitik der Europäischen Union ist volks­wirtschaftlich nicht effizient. Diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern bereits seit 30 Jahren bekannt und wissenschaftlich belegt. Trotzdem werden weiterhin Maßnahmen beschlos­sen, die zumindest aus ökonomischer Sicht unsinnig sind, wie zum Beispiel die Förderung der Produktion von Bioethanol aus Getreide. Bioethanol wird steuerbegünstigt abgesetzt und das, obwohl bekannt ist, dass die Produktion von Bioethanol aus europäischem Getreide mehr Energie verbraucht, als der Treibstoff liefert, berichtet Dr. Carsten Struve. Warum dennoch solche und andere fragwürdige Maßnahmen beschlossen werden, warum diese Ineffizienz bis heute zahlreiche Reformen überdauert hat und wie sich die EU-Agrarpolitik zukünftig entwickeln könnte, das untersuchte der Agrarwissenschaftler im Rahmen seiner Doktorarbeit am Lehrstuhl für Agrarpolitik. Er erhielt für seine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Arbeit den Fakultätspreis 2006 für die beste Promotion an seiner Fakultät.

Mittels mathematischer Methoden (allgemeine Gleichgewichtsmodelle, Netzwerkansätze und politische Gleichgewichtsmodelle) ermittelte Struve, wie groß der Einfluss ökonomischer Rahmenbedingungen auf politische Entscheidungen ist und wie sich das Entscheidungsverfahren innerhalb der EU darauf auswirkt. Sind etwa die ökonomischen Rahmenbedingungen gut, weil sich die Wirtschaft im Aufschwung befindet, so steigt die Akzeptanz in der Bevölkerung für teure agrarpolitische Maßnahmen, die zum Beispiel den Umweltschutz verbessern oder das Einkommen der Landwirte erhöhen. Schwächelt die Ökonomie, können sich dieselben Maßnahmen zu politischem Sprengstoff entwickeln, durch den Politiker ihre Wiederwahl bedroht sehen. In diesem Fall können sich die Lösungen und damit auch die anvisierten Gesetze wieder ändern.

In der Agrarpolitik haben einzelne Interessengruppen großen Einfluss, so Struve: »Lobbygruppen versuchen, das Interesse ihrer Mitglieder durchzusetzen, indem sie den Beamten und den Politikern Fachwissen zur Verfügung stellen und ihre Meinung kundtun. Bereiten Beamte einen Entwurf so vor, dass der glatt durchgeht, fallen sie positiv auf. Sie hören also schon auf Interessengruppen, um nicht später zu viel Gegenwind zu ernten. Politiker entscheiden und hoffen, dass sie dadurch in der Partei und im Wahlkreis an Rückhalt gewinnen.« (js)
Unterm Strich
Wie kann man feststellen, inwieweit Gelder, die für agrarpolitische Maßnahmen eingesetzt werden, auch tatsächlich die angestrebte Wirkung erzielen? Mit dieser Frage befasst sich das Forschungsprojekt »Advanced Eval« (erweiterte Evaluierung), das von der EU mit knapp 1,5 Millionen Euro gefördert wird. An dem Projekt sind acht Forschungsinstitute aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Polen und der Slowakei beteiligt.

»In die Entwicklung ländlicher Räume werden Milliarden Summen investiert. Da will man natürlich auch wissen, was diese bewirken«, erklärt Professor Christian Henning vom Institut für Agrarökonomie der Kieler Uni, der die Arbeiten des EU-Projektes zusammen mit seinem Mitarbeiter Dr. Jerzy Michalek koordiniert. Dabei geht es um zwei unterschiedliche Methoden: ex-post und ex-ante. Ex-post-Methoden decken nach Ablauf eines Programms auf, inwieweit dadurch ein Ziel, zum Beispiel die Arbeitslosigkeit zu senken, erreicht wurde.

»Am liebsten möchte man, wie im Labor, ein Experiment machen. Im einen Reagenzglas verändert man nichts, im anderen wird das Programm durchgeführt. Durch Vergleich der Reagenzgläser kann man die Auswirkungen des Programms genau ablesen. Das geht natürlich so nicht. Wir versuchen, die Effekte stattdessen mit statistischen Methoden zu modellieren«, so Henning. Exakte-Methoden sollen ermitteln, was von bestimmten Programmen überhaupt zu erwarten ist. Damit kann im Vorfeld abgeschätzt werden, mit welcher Maßnahme die politischen Ziele am ehesten erreicht werden. (ne)
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