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unizeit Nr. 44 vom 27.10.2007, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Seuche, Siechtum, Zeitenwende

Wenn Historiker vom »schrecklichen 14. Jahrhundert« sprechen, meinen sie vor allem die Pest und ihre Folgen. Der »schwarze Tod« zog einen gewaltigen Umbruch der mittelalterlichen Gesellschaft nach sich.


Beulenpest ist die häufigste Form der Pesterkrankung. Bild: Toggenburgbibel (1411) Foto: Wikipedia

Die Pestpandemie im 14. Jahrhundert gilt als die bislang schlimmste Seuche in der Mensch­heitsgeschichte. Zwischen den Jahren 1347 und 1351 starben in Europa wahrscheinlich über 20 Millionen Menschen an der Infektionskrankheit.

»In diesen vier Jahren sind rund 20 bis 30 Prozent der europäischen Bevölkerung zugrunde gegangen, wenn wir das über­haupt rekonstruieren können. Man kann sich eine Katastrophe schrecklicheren Aus­maßes kaum vorstellen«, sagt Professor Gerhard Fouquet. »Zum Vergleich: An der welt­weiten Fleckfieberepidemie der Jahre 1917 bis 1921 sind etwa drei Millionen Menschen gestorben.« In weiteren Erkrankungswellen kehrte die Pest bis ins 17. Jahrhundert hinein alle sieben bis zehn Jahre zurück.

Aber auch schon vor dem Ausbruch der Pest 1347 gab es Krisen, vor allem Hungersnöte, die um 1315 einsetzten und über mehrere Jahre anhielten. Ursache hierfür waren schlechte Ernten aufgrund einer Abkühlung des Klimas, die so genannte »Kleine Eiszeit«. »1347 ist im letzten Jahrtausend das Jahr mit den miserabelsten Durchschnittstemperaturen im Sommer«, so Fouquet. »Möglicherweise hängt auch die Ausbreitung der Pest mit diesen Klimabedingungen zusammen.« Der Kieler Sozialhistoriker interessiert sich vor allem für die Folgen der Katastrophe: »Wie haben die Menschen das emotional verdaut? Wie änderten sich die sozialen Bedingungen?« Durch die Pflege von kranken Angehörigen wussten viele Menschen, wie ansteckend die todbringende Krankheit ist. Die Folge: Häufig wurde die dringend benötigte Hilfe verweigert, soziale Bindungen zerbrachen.

Einen Eindruck davon gibt Giovanni Boccaccio, der in seinem Werk Decamerone den Einbruch der Pest in Florenz und die unmittelbare Reaktion der Bevölkerung beschrieb: »Wir wollen nicht erwähnen, dass ein Bürger dem anderen aus dem Weg ging und sich fast niemand um seinen Nachbarn kümmerte und die Verwandten einander nur selten oder nie und dann nur von ferne sahen. Durch diese Heimsuchung hatte die Herzen der Männer und Frauen eine solche Angst befallen, dass ein Bruder den anderen verließ, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und, oft [genug], die Frau ihren Mann, und, was mehr wiegt und fast unglaublich ist, Väter und Mütter scheuten sich, zu ihren Kindern zu gehen und sie zu pflegen, als ob sie nicht die ihren gewesen wären. Deshalb blieb für die unzählige Menge von Männern und Frauen, die erkrankt waren, keine andere Hilfe als das Mitleid der Freunde, von denen es freilich wenige gab.«

Es fehlte aber nicht nur an Ärzten und Menschen, die die Kranken pflegten, auch Totengräber und Priester waren rar. In Pestkarren wurden die Toten aus der Stadt transportiert zu den Pestlöchern, wo sie in Massen verscharrt wurden. Die Leichen wurden lagenweise in die Löcher geworfen, mit Erde zugeschüttet, um darauf die nächste Lage Tote zu werfen.

Da die Menschen des Mittelalters sich das Auftreten der Pest (lateinisch »pestis« für »Seuche, Verderben«) nicht erklären konnten, schafften sie sich ihre eigenen Theorien. Man beschuldigte Juden der Brunnenvergiftung. Auch Gespenster, Hexen und Geißler, eine christliche Bußbewegung, mussten als Sündenböcke herhalten. Fouquet: »Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es so kleine Lebewesen wie Bakterien gibt, die die Krankheit übertragen. Daher griff man auf antike medizinische Vorstellungen wie die Miasma-Lehre zurück.« Danach entstand eine Seuche durch Verunreinigungen (griechisch: miasmata) in der Luft, die durch das Atmen in den Körper gelangen. Schuld an solchen Pest erzeugenden Stoffen waren starke Sonneneinstrahlung, faulende organische Stoffe und Sümpfe. Auch die Pesthauchtheorie mit ihrer bestimmten Konstellation der Sterne wurde genannt, die Strafe Gottes und die Bosheit Satans. Das beste Schutzmittel aus medizinischer Sicht war demnach eine Flucht vor der verseuchten Luft in einen anderen Ort, eine andere Landschaft. Zu der Erkenntnis, dass die Pest von Rattenflöhen und von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, kam man erst im 19. Jahrhundert, und erst 1894 wurde das Pestbakterium entdeckt.

Langfristig bewirkte und beschleunigte die Pest einen tiefgreifenden Wandel in der mittelalterlichen Gesellschaft Europas. Oft wird auch von der Krise des 14. Jahrhunderts gesprochen. In ihr sehen viele Historiker den Auslöser des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit. (ne)
Die Pest heute
Die großen Pest-Epidemien gehören der Vergangenheit an, aber ausgestorben ist die Krankheit nicht. Der Erreger hält sich in hoch gelegenen, trockenen Regionen Asiens, Afrikas und Amerikas vor allem in wild lebenden Nagetieren, wie Präriehunden, Erdhörnchen und Murmeltieren. Von diesen werden gelegentlich häusliche Nager wie Ratten infiziert. Während in Europa und Australien keine infizierten Tierpopulationen bekannt sind, kommen solche im Kaukasus, in Russland, in Südostasien, der Volksrepublik China, der Mongolei, Süd- und Ostafrika, Mittel- und Südamerika sowie im Südwesten der USA vor. Im Jahr 2006 wurden 13 Pestfälle aus vier Bundesstaaten der USA (New Mexico, Colorado, Kalifornien und Texas) gemeldet. Weltweit registriert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 1000 bis 3000 Pestfälle pro Jahr, meistens in Form kleinerer, örtlich begrenzter Epidemien.

Behandelt wird die Pest heutzutage mit Antibiotika und bei frühzeitiger Erkennung bestehen gute Chancen auf Heilung. Der Pesterreger (Yersinia pestis) wird von der Weltgesundheitsorganisation zu den zwölf gefährlichsten biologischen Kampfstoffen gezählt. (ne)
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