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unizeit Nr. 44 vom 27.10.2007, Seite 8  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Medikamenten-Marketing

Aspirin ist ein klassischer Vertreter der Medikamente, die längst zur Marke geworden sind. Andere Präparate verschwinden sang- und klanglos aus den Apotheken. Warum eigentlich?


Auch Pillenproduzenten orientieren sich an den Gesetzen des Marktes. Wenn die Verkaufszahlen nicht stimmen, ist das Medikament vielleicht zu farblos? Foto: Photocase

Otto Normalpatient mag sich wundern, wenn der Hausarzt ihm eröffnet, seine wohlvertrauten Pillen seien jetzt nicht mehr zu haben. Doch für einen Fachmann wie Professor Bernd Clement, Direktor des Pharmazeutischen Instituts der Universität Kiel, hat das meist sehr nachvollziehbare Gründe. Denn so penibel das Jahre währende Zulassungsverfahren für neue Medikamente sein mag, so sorgfältig zunächst Labor- beziehungsweise Tierversuche und letztlich streng kontrollierte klinische Studien eines neuen Wirkstoffs an menschlichen Probanden auch vorgenommen werden mögen, für Clement ist klar: »Es kann immer sein, dass ganz neue Erkenntnisse auftauchen. Gerade in der Langzeitanwendung, wenn viel mehr Patienten das betreffende Mittel nehmen, als es jede klinische Erprobung gewährleisten kann, treten manchmal bis dahin nicht erkannte Neben- oder Wechselwirkungen auf.«

Die Medizingeschichte ist voll von solchen Beispielen. Darunter finden sich spektakuläre Fälle wie Contergan, das in den frühen 60er Jahren bei Tausenden von Neugeborenen schwere Missbildungen hervorrief oder auch Lipobay, das in den USA in Verruf kam. Weit häufiger aber handelt es sich um weniger dramatische Komplikationen, die bei einem oft äußerst kleinen Anteil aller mit dem betreffenden Medikament behandelten Patienten auftreten und meist auf unerwünschte Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln zurückgehen. So vertrug sich der bei Herz- Kreislauf-Erkrankungen verabreichte Wirkstoff Mibefradil schlecht mit Statinen, die zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt werden. Auch mit anderen Arzneistoffen traten vermehrt Wechselwirkungen auf, so dass das Medikament vom Markt genommen wurde.

Auftreten können Wechselwirkungen besonders dann, wenn verschiedene Medikamente im menschlichen Körper durch ein und dasselbe Enzym abgebaut werden. Der Abbauprozess kann sich in diesem Fall viel zu lange hinziehen, so dass zu hohe Blutspiegel des Medikaments zu unerwünschten Wirkungen führen. Bisweilen ist auch zu beobachten, dass sich eigentlich harmlose Substanzen erst im Körper zu toxischen Verbindungen umwandeln auch wenn dieser Prozess zuvor in Tierversuchen nicht beobachtet wurde. Auch unterschiedliche genetische Veranlagungen von Patienten kommen laut Clement manchmal erst in der praktischen Anwendung zum Tragen, und nicht zuletzt kann simple Statistik zum Aus für ein Medikament führen. Stellt sich etwa in der Folge von Langzeitbe-obachtungen heraus, dass die regelmäßige Einnahme eines Mittels – egal aus welchen Gründen – zu höheren Krebsraten führt, dann bleibt ebenfalls nur die Rücknahme.

Doch nicht in jedem Fall sind es medizinische Gründe, die zum Verschwinden von Arzneimitteln führen. Immer wieder, so erläutert Pharmaökonom Dr. Thomas Müller-Bohn, steckt auch schlichtweg kaufmännisches Kalkül dahinter. Wird etwa ein Mittel nur noch selten nachgefragt, weil die Ärzte auf andere Therapieformen umgestiegen sind, so ziehen die Hersteller es oft allein aus Rentabilitätsgründen zurück. Wobei das aber nicht unbedingt nur negativ gesehen werden muss. »Wenn ein Arzneimittel nicht mehr zeit gemäß ist, weil es bessere Alternativen gibt, ist das ja ein ganz normaler und begrüßenswerter Vorgang«, meint Müller-Bohn, der auch Lehrbeauftragter für Pharmaökonomie an der Universität Kiel, Apotheker und Wissenschaftsjournalist ist. Auch orientieren sich die Anbieter laut Müller- Bohn gerade bei nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten »stark an den Regeln des Konsumgütermarkts«. Verkauft sich ein Artikel also nur schleppend, so bekommt er eine neue Verpackung, einen moderneren Namen – oder wird komplett eingestampft.

Erlebt hat das Müller-Bohn auch schon als Patient. Er musste feststellen, dass das Präparat Hexomedin, eine äußerlich anzuwendende Lösung gegen Pickel und Nagelbettentzündung, plötzlich weit und breit nicht mehr zu bekommen war. Schade eigentlich, fand der Apotheker, denn gerade bei Nagelbettentzündungen schätzte er das Produkt als konkurrenzlos ein, und er fand »leider keinen angemessenen Ersatz.«

Nicht zuletzt kann das Aus für ein Medikament auch mit dem 1976 eingeführten modernen Arzneimittelgesetz zusammenhängen. Das verlangt neben der Unbedenklichkeit auch nachgewiesene Wirksamkeit von Pharma- Erzeugnissen, sieht aber teils bis heute währende Übergangsfristen für damals schon verkaufte Mittel vor. Steht jetzt also die Prüfung an, fällt so manches Mittel wegen unzureichender Wirkung durch. Oder die Hersteller ziehen es von sich aus zurück, weil sie den Aufwand für den Nachweis der Wirksamkeit scheuen.

Arg daneben liegen kann indes, wer unbesehen die Beständigkeit von Traditionspillen wie etwa der Spalt-Tablette preist. Bei Lichte betrachtet ist von diesem Produkt – wie von vielen anderen Schmerzmitteln – über die Jahrzehnte hinweg allein der Name unverändert geblieben. Die Inhaltsstoffe haben sich dagegen laut Müller-Bohn »je nachdem, was in der Wissenschaft gerade en vogue« war, immer wieder verändert. (mag)
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