Ruhe für den Bauch
Gegen die Entzündung bei der Darmkrankheit Morbus Crohn gibt es neue Wirkstoffe. Sie sind vor allem für Problemfälle eine Option.

Foto: Abbot
In dieser Situation kam der Patient zur Spezialambulanz für chronisch entzündliche Darmerkrankungen in die Kieler Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin. Dort erhielt er im Rahmen von klinischen Studien des »Netzwerks Entzündungsforschung« einen neuartigen Wirkstoff, den modifizierten Antikörper Certolizumab pegol, der vermutlich Ende des Jahres auf den Markt kommt. Das ist neben Adalimumab und Infliximab einer der drei neuen Wirkstoffe, die einen speziellen Botenstoff des Immunsystems, den Tumornekrosefaktor alpha (TNF-a), blockieren. Dieser Botenstoff spielt eine Schlüsselrolle bei krankhaften Entzündungen: Krankheiten wie Morbus Crohn, Rheuma und Schuppenflechte gehen mit einer erhöhten TNF-a-Produktion einher.
Alle drei neuen Anti-TNF-Therapien erwiesen sich als sehr wirksam bei Morbus Crohn-Patienten. »Rund 60 Prozent der damit behandelten Patienten sprechen auf die Therapie an«, berichtet Dr. Susanna Nikolaus, die im Netzwerk Entzündungsforschung mitarbeitet. »Es gibt Patienten, die bereits am Abend, nachdem sie die Infusion bekommen haben, anrufen und sagen, mir geht es blendend. Das ist nicht bei allen Patienten so, aber vielen geht es innerhalb einer Woche deutlich besser.« Auch für Matthias war der neue Wirkstoff ein voller Erfolg: »Bereits nach der zweiten Behandlung ging es mir besser. Jetzt fühle ich mich nahezu gesund.«
Unterschiede zwischen den Substanzen betreffen vor allem die praktische Anwendung. Infliximab muss alle acht Wochen intravenös, also per Infusion, verabreicht werden. Dazu müssen die Patienten in die Klinik oder Arztpraxis kommen. Die anderen Wirkstoffe können Betroffene sich selbst unter die Haut spritzen, Adalimumab im Abstand von zwei Wochen, Certolizumab pegol alle vier Wochen.
Vorgesehen sind die neuen Therapien für Patienten mit komplizierten Erkrankungen, bei denen die herkömmlichen Medikamente wie Kortison und Mittel zur Abschwächung von Immunreaktionen nicht helfen.
Von einem breiten Einsatz der neuen Mittel hält die Kieler Gastroenterologin nichts: »Auch wenn es erste Hinweise darauf gibt, dass Anti-TNF-Therapien den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, würde ich sie nicht einsetzen, bevor andere Alternativen ausgeschöpft sind.« Denn es können auch schwere Nebenwirkungen auftreten. Neben einer erhöhten Infektanfälligkeit sind vor allem schwere Infektionen gefürchtete Komplikationen. Möglicherweise bestehe auch ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Lymphomen oder anderen, bösartigen Erkrankungen. Die Behandlung gehöre daher auch in die Hände von erfahrenen Ärzten. In der Kieler Spezialambulanz für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen gibt es diese Erfahrung. Alle drei neuen TNF-Antikörper wurden im Kieler Universitätsklinikum erprobt. Und das Studienprogramm wird ständig weiter fortgesetzt.
Kerstin Nees
Spezialambulanz für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Klinik für Allgemeine Innere Medizin
Terminvereinbarung: 0431/597-1358
www.ikmb.uni-kiel.de/patientinfo.html
Morbus Crohn
Morbus Crohn ist eine nicht heilbare, chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die meist schubförmig auftritt. Die Entzündung kann alle Abschnitte des Magen-Darm-Traktes befallen, meist jedoch den Dünn- und Dickdarm. Betroffene leiden an häufigen, schweren Durchfällen sowie starken Schmerzen im Unterleib. 150.000 Menschen in Deutschland sind an Morbus Crohn erkrankt, schätzt der Selbsthilfeverband Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV). (ne)
Exzellent in Entzündungsforschung
Wie Morbus Crohn und andere Entzündungskrankheiten entstehen, wie man sie behandeln und verhindern kann, erforscht der neue Exzellenzcluster »Entzündungen an Grenzflächen«. Hier arbeiten 70 Wissenschaftlergruppen der Universitäten Kiel, Lübeck und vom Forschungszentrum Borstel zusammen – ein Verbund, der jetzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 33 Millionen Euro gefördert wird. Sprecher ist der Kieler Morbus-Crohn-Forscher Professor Stefan Schreiber. (so)
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