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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 45 vom 15.11.2007, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Falscher Körper zum Gefühl

Transsexualität ist keine Spinnerei. Betroffene leiden sehr unter ihrem »falschen« Körper. Aber eine Geschlechtsumwandlung ist nicht automatisch die Lösung ihrer Probleme.


Schätzungsweise einer von 50.000 Männern fühlt sich als Frau, und eine von 100.000 Frauen fühlt sich als Mann. Foto: GettyImages

Ein Mann wie ein Baum, zwei Meter groß, zwei Zentner schwer, fühlt sich als Frau. Seinen männ­lichen Körper lehnt er ab, weil er sich falsch in ihm fühlt. Unmöglich, in diesem Körper glücklich zu werden, geschweige denn eine erfüllte Sexualität zu haben. Sein Wunsch: eine geschlechtsangleichende Operation.

»Dieser Mensch hat mit Sicherheit eine Geschlechts­identitätsstörung«, erklärt Professor Hartmut Bosinski, der Leiter der sexualmedi­zinischen Beratungsstelle am Kieler Universitäts­klinikum. Aber ob er auch wirklich auf Dauer im weiblichen Körper besser leben kann, lasse sich nicht auf die Schnelle entscheiden. Auch wenn der Betroffene noch so selbstsicher sein Anliegen vertrete. »Um die Diagnose einer irreversiblen Transsexualität zu stellen und weit reichende Behandlungen vertreten zu können, müssen wir die Sicherheit haben, dass er tatsächlich im anderen Geschlecht besser aufgehoben ist.«

Diese Sicherheit soll ein einjähriger Alltagstest liefern. Die Betroffenen müssen mindestens ein Jahr in der neuen Rolle leben und werden dabei psychotherapeutisch begleitet. Bosinski: »Entscheidend für uns ist, ob es ihm dabei besser geht, das heißt sein Leidensdruck gemindert wird.« Im Zuge der Therapie nähmen rund zwei Drittel der Patienten von ihrem Umwandlungswunsch Abstand. Oft stellen sie fest, dass sie zum Beispiel als Frau nicht akzeptiert werden oder dass sie es sich anders vorgestellt haben. »Ihre Größe ändert sich nicht und auch nicht die Breite, sie werden keine anderen Menschen.«

Andere erfahren im Alltagstest die innere Sicherheit, dass sie sich tatsächlich im anderen Geschlecht wohler fühlen. Für sie beginnt die Geschlechtsumwandlung zunächst mit einer Hormonbehandlung und nach einem weiteren halben Jahr mit geschlechtsangleichenden Operationen. Die Mehrzahl ist hinterher zufrieden, berichtet der Sexualmediziner. »75 Prozent geht es besser. Aber das ist nur deshalb so, weil die Hürde so hoch ist.« Von 20 Prozent wisse man nicht, was aus ihnen geworden ist, und 5 Prozent wünschten sich eine Rückumwandlung. »Das sind seltene und dramatische Verläufe. Die Möglichkeiten zur Rückumwandlung sind vor allem bei Mannzu- Frau-Transsexuellen sehr schwierig.«

Bosinski kennt etliche Biografien von Transsexuellen. Pro Jahr sieht er zehn bis zwanzig. Die Gründe für Geschlechtsidentitätsstörungen sind nicht bekannt, aber vermutlich gibt es eine angeborene Prädisposition. »Wenn Sie einen biologischen Mann sehen, der nie die Jungenrolle annahm, der schon als kleiner Junge mit Mädchen spielte, sich Mädchensachen anzog, der sich in der Pubertät bei ersten Fantasien zu Jungen hingezogen fühlte und sich dabei selbst als Mädchen erlebte, dann gibt es dafür garantiert eine biologische Mitverursachung, auch wenn wir sie jetzt noch nicht kennen.« Auch im umgekehrten Fall ist die Geschlechtsidentitätsstörung in der Kindheit dokumentiert. Die betroffenen Frauen verhielten sich als Mädchen jungenhaft, lehnten Röcke und Kleider ab, trugen die Haare kurz und hatten in der Pubertät größte Schwierigkeiten, die Regelblutung und Brustentwicklung zu akzeptieren. Beim Aufkommen erotischer Fantasien erlebten sie sich als Jungen, der mit Mädchen sexuelle Beziehungen aufnahm.

»Eine Erziehung zur Transsexualität können wir ausschließen«, versichert Bosinski. »Wir haben Eltern, die das ›falsche‹ Rollenverhalten unterdrücken und andere, die es unterstützen. In beiden Fällen hat es nichts geändert. Wir wissen nicht, woher es kommt. Aber die Menschen sind nicht verrückt oder pervers. Sie fühlen sich innerlich zerrissen, leiden oft an Depressionen und brauchen unsere Hilfe.« ne
Sexualmedizinische Beratungsstelle
Die Sektion für Sexualmedizin am Kieler Universitätsklinikum bietet ambulante Beratung und Therapie für Patientinnen und Patienten mit sexuellen Funktionsstörungen oder Störungen der Geschlechtsidentität an. Schwerpunkt der Sektion in Forschung, Lehre und Versorgung ist die Forensische Sexualmedizin, das heißt die Diagnostik, Begutachtung und Therapie von Sexual­straftätern. Gleichzeitig sehen sich die Kieler Sexualmediziner aber auch als Anlaufstelle für Menschen mit problematischen sexuellen Neigungen wie Pädophilie, Masochismus oder Sadismus, die ihre Neigungen nicht ausleben und Hilfe benötigen. (ne)

Sektion für Sexualmedizin, UK S-H Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 12,
Tel. 0431-597-3651
www.uni-kiel.de/sexmed
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