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unizeit Nr. 45 vom 15.11.2007, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Was soll’s denn werden?

Mädchen, Junge oder irgendwie dazwischen – nicht immer lässt sich das Geschlecht des Neugeborenen eindeutig bestimmen. Experten an der Universitätskinderklinik wissen, was in solchen Fällen zu tun ist.


»Ich wurde zweimal geboren: zuerst, als kleines Mädchen, an einem bemerkenswerten smog­freien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974.« Mit diesen Worten beginnt Jeffrey Eugenides seinen Roman »Middlesex«, für den er 2003 den Pulitzer-Preis erhalten hat. Darin erzählt die Hauptfigur, ein Mädchen, das nach einem Unfall zufällig erfährt, dass es »eigentlich« ein Junge sei, ihre Lebens- und Familiengeschichte. Die Geschichte ist fiktiv, die Probleme mit ihrem/seinem Anderssein, mit der Geschlechtsidentität und den Reaktionen der Umgebung teilt die kindliche Calliope und der erwachsene Cal mit vielen Kindern, Heranwachsenden und Erwachsenen, deren Geschlecht zwischen männlich und weiblich liegt.

Bei etwa zwei von 10.000 Neugeborenen stehen Eltern und Ärzte vor der Situation, dass sich das Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig zuweisen lässt, weil das äußere Genitale uneindeutig ist. Es weist also Merkmale beider Geschlechter auf. Dieses Phänomen fasst man heute unter dem Begriff Intersexualität/DSD (Disorders of sex development) zusammen. Es gibt eine Vielzahl von möglichen genetischen Ursachen, die zu angeborenen Besonderheiten der Geschlechts­entwicklung führen.

Die mit Abstand häufigste Ursache für ein nicht eindeutiges Genitale bei Geburt ist das adrenogenitale Syndrom (AGS) bei Kindern mit einem weiblichen Chromosomensatz (46,XX). Diese Mädchen haben normale Eierstöcke und eine Gebärmutter, aber ihre Nebennieren produzieren zu viel männliches Geschlechtshormon (Testosteron), so dass sich männliche äußere Geschlechtsmerkmale in unterschiedlicher Ausprägung bilden. Mädchen mit AGS haben später aber fast immer eine normale weibliche Geschlechtsidentität, das heißt, sie fühlen sich eindeutig als dem weiblichen Geschlecht zugehörig.

Eine andere Ursache ist die so genannte komplette Androgeninsensitivität. Bei dieser Erkrankung haben Neugeborene zunächst ein normales weibliches Äußeres. Erst in der Pubertät fällt auf, dass die Regelblutung ausbleibt. Die Schambehaarung fehlt oder ist sehr spärlich. Es findet aber eine normale weibliche Brustentwicklung statt. Diese Mädchen haben einen männlichen Chromosomensatz (46,XY). Im Bauchraum oder an der Leiste sind deshalb Hoden vorhanden. Hier liegt die Besonderheit vor, dass die Hoden zwar viel Testosteron bilden, dieses aber im Körper nicht wirkt. Daher entwickeln sich weibliche äußere Geschlechtsmerkmale. Bei der nicht kompletten Androgeninsensitivität sind die äußerlichen Geschlechtsmerkmale bei der Geburt uneindeutig ausgeprägt.

»Früher hat man versucht, Kinder mit einem uneindeutigen Genitale frühzeitig zu ›normalisieren‹, das heißt durch Operation relativ rasch entweder dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht anzugleichen. Viele erwachsene Patienten leiden heute unter den medizinischen Maßnahmen, die bei ihnen als Kind durchgeführt wurden. Sie sind unglücklich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht, die weibliche Brust entwickelt sich aber normal.« erklärt Professor Paul-Martin Holterhus, Experte für Kinderhormon­erkrankungen an der Kieler Universitäts­kinderklinik.

Die Operationen erfolgten früher oft ohne genaue Kenntnis der zugrunde liegenden Ursache. Eine genaue Diagnose ist aber wichtig, um vorhersagen zu können, ob das betreffende Kind sich eher dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt. Denn die biologischen Faktoren, die zu den besonderen äußeren Geschlechtsmerkmalen geführt haben, wirken sich auf den ganzen Körper und auch auf das Gehirn aus. Unter dem Einfluss von Hormonen entwickelt sich das Gehirn männlich oder weiblich. »Dies ist wahrscheinlich ein Grund dafür«, so Holterhus, »dass Störungen der Geschlechtsidentität bei Intersexualität wesentlich häufiger auftreten als in der Normalbevölkerung.«

Auf diese Problematik machen die Experten im Forschernetzwerk Intersexualität aufmerksam. Holterhus: »Wir beginnen heute besser zu verstehen, welche körperlichen, hormonellen und genetischen Gegebenheiten mit welchen Verläufen vergesellschaftet sind. Auch das soziale und kulturelle Umfeld und wandelnde gesellschaftliche Normen müssen mit einbezogen werden. In den meisten Fällen kann vor einer Operation des Genitales in Ruhe die hormonelle Diagnostik abgewartet werden; und oft hat man Zeit, die weitere Entwicklung des Kindes zunächst zu beobachten. « Die vielfältigen Facetten der Intersexualität erfordern eine individuelle Betreuung der Kinder in spezialisierten Zentren wie der Kieler Universitätskinderklinik.

Betroffenen Eltern gibt Holterhus die Empfehlung, ihr Kind anzunehmen, eine liebevolle Beziehung zu ihm aufzubauen und sich nicht durch das Aussehen des Genitales verunsichern zu lassen. Da eine geschlechtsneutrale Erziehung in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert ist, sollten die Eltern ihr Kind als Mädchen oder Junge erziehen. Die Erziehung sollte dennoch alle Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes zulassen, beispielsweise nicht bestimmte »mädchen­typische« oder »jungentypische« Spiele ausschließen. »Die Diagnose darf vor den Kindern nicht geheim gehalten werden. Die Kinder ahnen, dass irgendetwas nicht stimmt, aber sie wissen nicht, was. Das belastet sie ungemein.«

Jeffrey Eugenides' Romanfigur hat ihr besonderes Geschlecht angenommen, wurde nicht operiert und entwickelte eine eigene Identität. Ihr Resümee: »Mein Wechsel vom Mädchen zum Jungen war weit weniger dramatisch als die Entfernung, die jeder von der Kindheit zum Erwachsensein zurücklegt. Im Großen und Ganzen blieb ich der Mensch, der ich immer gewesen war. Noch jetzt bin ich, obwohl ich das Leben eines Mannes führe, in wesentlichen Punkten Tessies Tochter.« (ne)

Zum Weiterlesen:
Jeffrey Eugenides: Middlesex. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003.
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