Weizen verheizen
Alles Bio oder was? Wissenschaftler der Uni Kiel beschäftigen sich mit den wirtschaftlichen Seiten des Bio-Booms.

Gewiss ist, dass fundierte wissenschaftliche Informationen immer nötiger werden. Wurden im Jahr 1999 gerade mal 850 Biogasanlagen in Deutschland betrieben, so wird dieses Jahr wohl die Zahl von 4000 erreicht. Und das bei weiter stark steigender Tendenz.
In Anbetracht der Möglichkeit, Erdöl und andere endliche Rohstoffe durch nachwachsende Energieträger zu ersetzen, ist dieser Trend aus Sicht von Professor Hartung durchaus zu begrüßen. Nur komme es eben darauf an, die richtigen Anlagen am richtigen Platz zu bauen und in der richtigen Art und Weise zu betreiben, fügt der Hochschullehrer hinzu.
Genau diese Aspekte sollen im Verbundprojekt Biogas-Expert abgeklopft werden, denn trotz der enormen Zunahme an Anlagen mangelt es nach Einschätzung der Initiatoren bisweilen immer noch überraschend stark an belastbaren Daten und Fakten.
Leicht zu erklären ist immerhin, warum Bioenergie bei den Bauern derart boomt. Jahrelang dümpelten die Preise für Milch, Getreide und Fleisch so beharrlich im Keller, dass mancher Hofbesitzer nur mühsam über die Runden kam und erst recht keine Perspektiven für seinen Betrieb sah. Immer stärker lockte deshalb der Bio-Energiemarkt als Alternative oder wenigstens als zusätzliches Standbein. Über Jahrzehnte weiterentwickelte Verfahrenstechniken und dazu neue Förderinstrumente wie das im Jahr 2000 geschaffene Erneuerbare-Energien-Gesetz, das die Stromversorger verpflichtet, alternativ erzeugte elektrische Energie weit über den Marktpreisen abzunehmen, bildeten einen ideal scheinenden Rahmen für diese Strategie. Und nicht zuletzt nahmen die Bauern irrtümlicherweise an, aufgrund der niedrigen Preise für Mais, Getreide und Co. dauerhaft über billige Rohstoffquellen zu verfügen.
Freilich hat sich inzwischen so manches an dieser Situation geändert. Die Vergütungen für die Stromeinspeisungen werden laut Gesetz ständig, aber wenigstens verlässlich kalkulierbar, zurückgefahren. Vor allem aber, so befand erst jüngst die »Financial Times Deutschland«, bringen »rasant gestiegene Getreidepreise« so manchen Traum von einer sorgenfreien Zukunft als Energiebauer bedrohlich ins Wanken. Innerhalb nur eines Jahres haben sich die Preise für Weizen fast verdoppelt, Mais war Anfang 2007 so teuer wie seit zehn Jahren nicht mehr.
Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist für Professor Hartung neben dem Weltmarkt die wachsende Flächenkonkurrenz im eigenen Land. »Wenn immer mehr Biogasanlagen statt Milchkühe gefüttert werden, treibt das den Preis in die Höhe«, sagt der Experte, der überdies bedrohliche Tendenzen auf der investiven Seite beobachtet. Aufgrund der boomenden Nachfrage haben auch die Kosten für den Bau der Anlagen spürbar angezogen.
Droht also nach vehementem Anfang schon das Ende vom Bio-Boom? So weit mag Hartung nicht gehen. Zwar ist aus seiner Sicht in der Zunft die allgemeine Euphorie ebenso verbreiteter Ernüchterung gewichen, doch immer noch hält er es für absolut möglich, rentabel zu wirtschaften.
»Der Zwang zur Optimierung ist größer geworden«, befindet der Wissenschaftler, für den dabei ein Aspekt »ganz entscheidend« ist: die Nutzung der bei der Stromerzeugung entstehenden Wärme. Gelingt es einem Betreiber, neben dem Strom auch Nahwärme zum Beheizen von Häusern und zur Aufbereitung von Warmwasser zu vermarkten, dann hat er schon viel gewonnen. Richtig stabil wird die Sache aber oft erst dann, wenn die Wärme auch im Sommer an den Mann oder die Frau gebracht werden kann. Während es daran oft krankt, können die Landwirte an anderen Stellen selber an den Stellschrauben drehen. Das gilt vor allem für die Materialkosten, von denen zumindest diejenigen Bauern weitgehend unabhängig sind, die ihren Mais ganz oder überwiegend auf eigenen Flächen erzeugen.
Unabhängig davon gilt laut Hartung für alle, dass der konkrete Standort für eine Biogasanlage immer wichtiger wird. Idealerweise sollte sich eine größere Siedlung zur Belieferung mit Nahwärme nicht wesentlich weiter als ein bis drei Kilometer von der Anlage befinden, weil sonst die Kosten für den Leitungsbau und ebenso die Wärmeverluste in unrentable Bereiche durchschlagen.
Zu dicht heran an die Wohngebiete sollten sich die Energiebauern aber auch nicht heranwagen, denn wegen der damit verbundenen Lärmbelästigungen, den Folgen für das Landschaftsbild und der Sorge vor üblen Gerüchen entwickelt sich die Akzeptanz solcher Kraftwerke nach Einschätzung von Biogas- Expert in der Bevölkerung »teilweise stark nachlassend.«
Weitgehend vermieden werden könnten solche Probleme, wenn es gelänge, das erzeugte Biogas direkt in die Netze der Versorger einströmen zu lassen. Daran gearbeitet wird nach Angaben von Professor Hartung schon seit geraumer Zeit, wegen einer Reihe von rechtlichen und technischen Problemen lässt der Durchbruch aber noch auf sich warten. Doch der Wissenschaftler ist sich sicher: »In diesem Bereich liegt die Zukunft.« (mag)
58. Öffentliche Hochschultagung der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät. Zukunftsmärkte: Milch, Energie, Lebensmittelqualität. 1. Februar 2008, Audimax der CAU
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