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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 45 vom 15.11.2007, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Bauern mit Energie

»Power to the Bauer!« Für 19 Landwirte aus dem Raum Bordesholm hat dieser Slogan eine sehr wörtliche Bedeutung bekommen. Sie sind unter die Biogasproduzenten gegangen.


Mehr als 20.000 Tonnen Mais lagern unter der grünen Plane auf dem Gelände des Kraftwerks in Brügge. Foto: pur.pur

Nicht kleckern, sondern klotzen wollte Landwirt Gerd Stoltenberg, als bei ihm vor drei Jahren die Idee aufkeimte, sich ein weiteres Standbein in der Energieerzeugung zu schaffen. Zwar befand sich sein eigener 140-Hektar-Hof keineswegs in wirtschaftlicher Schieflage, doch langfristig erschien die Aussicht, Geld in einem so zukunftsträchtigen Feld wie der Biogasproduktion zu verdienen, überaus verlockend. Dabei verabschiedete sich der 48-Jährige schnell vom Gedanken an ein Einzelkämpfer-Dasein und schloss sich mit 18 weiteren Kollegen zu einer GmbH & Co. KG zusammen. Der Vorteil: Auf diese Weise konnte die 4,3-Millionen-Euro-Investition in das Biomassekraftwerk an der Kreisstraße 15 bei Brügge auf viele Schultern verteilt werden. Und zugleich war es möglich, ein Projekt aus einem Guss zu verwirklichen.

Mit einer Jahresleistung von einer Million Megawattstunden prescht die Anlage in Dimensionen vor, die im Raum Kiel zur Spitze gehören. Das gewonnene Methangas treibt dabei ein zweimotoriges Blockheizkraftwerk an, aus dem der gewonnene Strom direkt ins Netz der Versorgungsbetriebe Bordesholm fließt. Zudem verpufft die Abwärme nicht in der Luft, sondern sie speist ein eigens mit den örtlichen Versorgungsbetrieben aufgebautes Nahwärmesystem, das Energie für 650 Haushalte Haushalte liefert.

Foto: pur.pur

Eine derart leistungsfähige Anlage will entsprechend gefüttert werden. Gut 20.000 Tonnen Mais lagern auf dem Kraftwerksgelände, das eine Anbaufläche von etwa 400 Hektar benötigt. 80 Prozent des Rohstoffs stammt von den Feldern der am Kraftwerk beteiligten Bauern, und bald schon soll diese Quote nach den Worten von Geschäftsführer Stoltenberg 100 Prozent betragen. Der große Vorteil dieser engen Verflechtung von Erzeugern und Produzenten liegt auf der Hand: Die aufgrund des Biogas-Booms steigenden Maispreise sind für Stoltenberg und seine Mitstreiter kein Problem, weil sie Eigenversorger sind. »Unsere Gesellschafter wollen keinen teuren Mais verkaufen, sondern günstig Energie erzeugen«, bringt es der Kraftwerkschef auf den Punkt.

Ebenfalls keine Probleme bereitet das Biomassekraftwerk offenbar in Sachen Geruchsbelästigung. Messungen auf dem Grundstück des ohnehin mehrere hundert Meter entfernten nächsten Anwohners haben laut Stoltenberg gezeigt, »dass da nichts ankommt«. Konflikte gab es allerdings zur Erntezeit im Herbst, als die voll mit Mais beladenen Schlepper Tag und Nacht durch die Ortschaften zum Kraftwerksgelände donnerten. Den Betreibern blieb da nur, die Anwohner um Verständnis für diese zehn Tage im Jahr währenden Belastungen zu bitten und die Treckerfahrer zu behutsamer Fahrweise zu mahnen.

Foto: pur.pur

Schon im Planungsstadium musste dagegen Nikolas Schierhorn erhebliche Widerstände überwinden, der gemein­sam mit Vater Hans- Walter sowie Baron Martin von Jenisch und Martin Buchholz in diesen Tagen eine 2,1-Megawatt-Anlage in Betrieb nimmt. Obwohl sich das Biokraftwerk am Rande eines Gewerbegebiets in Bad Oldesloe befindet, galt es nach seinen Angaben, zahlreiche Bedenken wegen Lärms, Gestanks und der Verschandelung des Landschafts­bildes zu entkräften.

Inzwischen haben sich die Wogen laut Schierhorn jedoch geglättet, und die Betreiber können sich aufs gerade anlaufende Geschäft konzentrieren. Den Strom speisen sie ins öffentliche Netz, mit der Wärme versorgen sie Betriebe im Gewerbegebiet, und der benötigte Mais kommt zu 100 Prozent aus eigenem Anbau. 1.200 Hektar Fläche bringen die beiden hinter dem Projekt stehenden Höfe zusammen, etwa 900 davon werden für die Biogasanlage benötigt. Schierhorn ist aufgrund dieser Unabhängigkeit vom Markt und wegen des gesicherten Wärmeverkaufs optimistisch, dass die Rechnung aufgehen wird: »Das ist sehr attraktiv.«

Eher bescheiden ist derweil Werner Dopatka in Jardelund bei Flensburg in die Bio-Ära gestartet. Vor einem Jahr stieg er mit einer 370-Kilowatt-Anlage in die Stromproduktion ein und versorgte mit der Wärme gerade mal seine beiden eigenen und zwei Nachbarhäuser. Mit einem zweiten Motor wurde jetzt die Kapazität auf 560 Kilowatt erweitert und zugleich der Ausbau der Nahwärme vorangetrieben. Der Landwirt, der voll und ganz auf Energiewirt umgesattelt hat, will 30 zusätzliche Häuser in Jardelund mit Wärme versorgen und sieht sich damit auch langfristig auf einem guten Weg. Nach dem ersten Jahr kann er feststellen: »So wie’s jetzt aussieht, rechnet sich das.« (mag)
Hilfreiche Bakterien
Voraussetzung dafür ist ein Bioreaktor, der auch Fermenter genannt wird und in dem sich unter kontrollierten Bedingungen, meist auf der Basis geringer Mengen beigemischter Gülle, Bakterien bilden. Diese wiederum bauen die pflanzlichen Stoffe ab, mit denen der Reaktor »gefüttert« wird, und erzeugen dabei Methan, das chemisch völlig identisch mit seinem fossil gewonnenen Gegenstück ist. Klärschlamm und Essensreste lassen sich auf diese Weise ebenso verwerten wie Holz. In der Praxis hat sich aber Getreide als favorisierter Rohstoff herausgestellt und darunter wiederum besonders Mais, aus dem sich deutlich mehr Energie gewinnen lässt als aus Weizen oder Roggen.

Biokraftstoff hingegen weist gegenüber dem Gas eine Reihe von Nachteilen auf. Er ist teuer zu produzieren und alles andere als sauber. Biodiesel, egal ob aus kalt gepresstem oder hochraffiniertem Rapsöl gewonnen, verträgt sich beispielsweise nicht mit modernen Rußpartikelfiltern und kann konventionellem Diesel allenfalls beigemischt werden. Ältere Fahrzeuge, die mit purem Biosprit dieseln können, gelten ebenfalls als nicht gerade unproblematisch, weil sie oft geruchsintensive Abgasschwaden hinter sich herziehen. Ökologisch eher verpönt ist Biodiesel zudem, weil in Bezug auf die mögliche Energiemenge etwa dreimal soviel Fläche nötig ist wie bei Biogas.
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