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Nr. 45, 15.11.2007  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Nordsee unter Kontrolle

Schleswig-holsteinische Wissenschaftler und Unternehmen haben in der Nordsee ein Ozeanüberwachungssystem installiert, das überall auf der Welt eingesetzt werden kann. Das Herz der Anlage schlägt in Büsum.


Für das Nordsee-Überwachungssystem wurde rund zehn Kilometer westlich der Halbinsel Eiderstedt der Messpfahl Rochelsteert in den Meeresboden gesetzt. Er ist eine Messstation für Wasserstand, Wetter und Wellenhöhe. Das 33 Meter hohe Stahlrohr benötigt keinen Kabelanschluss. Die notwendige Energie wird vor Ort mittels Solarzellen und Windgenerator erzeugt, die gemessenen Daten per Funk nach Büsum übertragen. Vor allem die sehr genauen Seepegeldaten vom Messpfahl sind eine willkommene Bereicherung für die Sturmflutvorhersage. »Er ist einer der wenigen echten Hochseepegel, die es in der deutschen Nordsee gibt«, betont Dr. Klaus Ricklefs vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ) der Kieler Universität. Aus diesem Grund wird das Amt für ländliche Räume in Husum, das die gesetzlichen Aufgaben im Küstenschutz wahrnimmt, ab 2008 den Messpfahl übernehmen. Foto: Vanselow / FTZ Büsum

Sichtbare Zeichen des neuen Überwachungssystems sind Radarantennen auf Sylt, Helgoland und an der Büsumer Küstenlinie, ein Messpfahl zehn Seemeilen vor St. Peter Ording und drei gelbe Bojen rund um die Halbinsel Eiderstedt, jede vier Meter hoch und mit verschiedensten Sensoren ausgestattet. Diese »Außenposten« liefern Daten unter anderem über Wassertemperatur, Salzgehalt, Strömung und Wind sowie Wasserstand und Wellenhöhe. Im Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ) in Büsum laufen diese Informationen zusammen, denn hier sitzen Experten für Küstenforschung der Universität Kiel. Computer erfassen und verarbeiten die Datenflut, etwa zur Vorhersage von Sturmfluten. Im Katastrophenfall kann binnen weniger Minuten in den betroffenen Küstengebieten Alarm ausgelöst werden.

Auslöser für die Entwicklung des Nordsee- Monitoring-Systems war die Tsunami-Katastrophe Ende 2004 im Indischen Ozean. Um den Menschen an gefährdeten Küsten die Möglichkeit zu geben, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, gründeten schleswigholsteinischen Firmen und Forschungsinstitute Anfang 2005 die Tsunami AG. Von der Kieler Universität sind neben dem FTZ Büsum auch Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) an dem Konsortium beteiligt. Unter Federführung der Kieler Raytheon Anschütz GmbH und mit finanzieller Förderung des Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein entstand das Ocean-Monitoring-System. Dies kann aber nicht nur Veränderungen des Wellengangs erkennen. Das System liefert zudem wertvolle Informationen für die Schifffahrt, die Wissenschaft, den Küstenschutz oder den Tourismus. Küstenforscher Dr. Klaus Ricklefs vom FTZ Büsum: »Für ein Frühwarnsystem ist es essenziell, dass die Anlage permanent zu 100 Prozent einsatzbereit ist. Damit sich Investition, ständige Pflege und Wartung für die Betreiber lohnen, haben wir ein System entwickelt, das vielfältige Aufgaben in der Küstenüberwachung übernehmen kann.«

In der Deutschen Bucht läuft das System jetzt als Test- und Vorführanlage. Auch wenn in der Nordsee keine Tsunamis drohen, ist die Anlage hier ideal platziert. Durch den Gezeitenwechsel können zweimal täglich Wasserstandsänderungen, sozusagen Mini-Tsunamis, registriert werden. An dem auf- und ablaufenden Wasser lässt sich ein Überwachungssystem trainieren. Das ist wichtig, um die Gefahr eines Fehlalarms zu minimieren. Eine große Herausforderung bei einem solchen System sieht der Physiker Dr. Klaus Vanselow vom FTZ vor allem darin, »die verschiedenen Komponenten ständig einsatzbereit zu halten.« Durch hohen Seegang könnten schon mal Geräte beschädigt werden. So mussten beispielsweise die Mitarbeiter des FTZ Büsum im Winter 2006/07 mehrfach Solarzellen am Messpfahl Rochelsteert austauschen, die durch bis zu neun Meter hohe Wellen zerstört wurden.

Ein Kernstück der Anlage sind die Radarsysteme auf Sylt und an Büsums Küste sowie zeitweise die auf Helgoland. Der Clou: Zusätzlich zu herkömmlichen Radarantennen stützt sich die Sturmflut- und Tsunami-Erkennung vor allem auf ein sehr viel weiter reichendes Überhorizontradar. Es verfügt unter anderem über ein Wellendetektierungssystem, das Riesen- oder Flutwellen erfassen und deren Ausbreitung untersuchen soll. Ricklefs: »Von zwei Standpunkten aus "guckt" es über 200 Kilometer über die Deutsche Bucht hinweg, weiter als das Auge blicken kann, und misst großflächige Strömungsmuster, wie sie etwa für eine Tsunamiwelle typisch sind. Diese Funktion wird über die Tide, die ja auch eine lange Welle ist, getestet.« Das Überhorizontradar kann aber nicht nur Wellenbewegungen erkennen, sondern auch Schiffe in bis zu 200 Kilometer Entfernung registrieren.

Mit Hilfe von Radarbildern können außerdem Schiffe vor ungünstigen Routen gewarnt und Ölfilme erspäht werden. Auch treibende Flüchtlingsboote oder Kriegsschiffe lassen sich schon in weiter Entfernung erkennen. Gerade dieser Sicherheitsaspekt sei für die chinesische Delegation, die vor kurzem die Anlage besichtigt hat, von Interesse gewesen. (ne)

www.hydromod.de/oms
Argo beobachtet die Weltmeere
Das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) ist an einem weiteren Projekt zur Ozeanbeobachtung beteiligt, dem internationalen Argo. Ziel von Argo ist es, die Ozeane mit einem flächendeckenden Beobachtungssystem zu bestücken, das kontinuierlich Daten aus den Tiefen der Weltmeere ermittelt. »Mit 3.000 Instrumenten hat das System jetzt eine globale und sehr homogene Abdeckung erreicht«, berichtet Professor Martin Visbeck vom IFM-Geomar. Hierfür werden autonome Messroboter eingesetzt, die mit modernster Messtechnik vollgestopft sind. Sie übermitteln Daten, die eine wertvolle Grundlage für Wetter- und Klimavorhersagen und für ein besseres Verständnis über unsere Ozeane liefern. 30 Nationen weltweit sowie die Europäische Union unterhalten dieses Projekt. (ne)

www.argo.net
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