Sinnvoller Seitenwechsel
Eine eigene Brücke für Käfer, Kröte oder Keiler, 50 Meter breit und mit Steuergeldern gebaut – muss das sein? Ja, sagen Experten, sofern Lage und Gestaltung stimmen.

Seit 2005 können Tiere die A21 bei Negernbötel gefahrlos überqueren. Solche Grünbrücken dienen dem Artenschutz, da sie selten gewordene Biotope verbinden. Foto: pur.pur
Dass solche Bauwerke notwendig sind, steht für Naturschützer außer Frage. »Die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen und Eisenbahntrassen hat ein Ausmaß erreicht, das den Bestand vieler Arten massiv gefährdet«, konstatiert etwa der Naturschutzbund (NABU), der mit seinem Bundeswildwegeplan ein umfassendes Konzept entworfen hat, wie das Verkehrswegenetz für Wildtiere wieder durchgängiger und sicherer gemacht werden kann. Dabei geht es bei den Querungshilfen nicht nur darum, Hirsch, Reh und Fuchs sichere Wanderrouten zu bescheren. Zweck dieser Bauwerke ist vielmehr, voneinander abgeschnittene Biotope wieder zu verbinden und damit zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen.
Ob die Grünbrücke bei Negernbötel, übrigens die erste in Schleswig-Holstein, diesen Zweck erfüllt, untersuchten Dr. Heinrich Reck und seine Arbeitsgruppe am Ökologiezentrum. »Da solche Bauwerke teuer sind, will man natürlich auch wissen, wie sie sich auf die biologische Vielfalt auswirken. Wir untersuchen, in welcher Form die gesamte von Zerschneidung betroffene Tierwelt an dieser Stelle von der Grünbrücke profitiert und wie die Effizienz solcher Bauwerke optimiert werden kann.«

Luftaufnahme der Grünbrücke bei Negernbötel. Foto: Volker Seifert, LBV SH
»Ob eine Grünbrücke genutzt wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab«, erklärt Reck, der sich seit 15 Jahren mit Ausbreitungsvorgängen in der Tierwelt befasst. Ganz entscheidend ist die Lage. Grünbrücken sollten natürlich nur dort gebaut werden, wo Austausch nötig und möglich ist. Das sind oft Orte, an denen sich selten gewordene Biotope konzentrieren, und auch Orte, an denen Wildwechsel häufig ist. »Wenn die Brücke an der richtigen Stelle ist, wird sie aufgefunden, wenn nicht, dann profitieren nur sehr wenige Arten von der teuren Investition.« Im Fall von Negernbötel begründete sich die Lage zunächst vor allem mit der hohen Zahl an Wildunfällen in diesem Gebiet.
An der richtigen Stelle zu bauen, reicht allein aber auch nicht. Die Brücke muss »attraktiv« gestaltet werden: »Sehr viele Arten meiden es, Fremdhabitate zu betreten«, so Reck. »Man versucht daher, den Ansprüchen derjenigen Arten zu entsprechen, deren Populationen man verbinden oder wieder vernetzen möchte. Wenn wir Waldarten überführen wollen, dann sollte auf der Brücke auch für ein waldähnliches Klima gesorgt sein. Allerdings braucht es dazu mehr als einen Strauch.« Damit wird auch klar, warum kleine Übergänge nicht ausreichen. Die notwendige Breite der Brücken hängt von ihrer Funktion ab. »Wenn ich nur einen Lebensraumtyp überführen muss, brauche ich weniger Fläche, als wenn ich drei oder vier Habitattypen gestalten muss.« Hinzu kommt, dass empfindliche Tiere wie Hirsche sehr schmale Brücken nicht betreten würden. Brücken mit einer Breite von 50 Metern nehmen Hirsche problemlos an, sofern sie nicht gleichzeitig als Hundespielplatz benutzt werden.

Zur Untersuchung von Bewegungsmustern an diesen Bauwerken werden Feldgrashüpfer mit individuellen Farb-Codes gekennzeichnet. Foto: ÖkologieZentrum
Die im nahen Umfeld der Straße häufig vorkommenden Heuschreckenarten haben die Grünbrücke schon besiedelt und auch seltene Pflanzenarten der umliegenden Heiden. Noch nicht gefunden haben die Wissenschaftler die landesweit stark bedrohten Reptilien, Insekten und Heuschreckenarten, die besonders auf den Wiederverbund ihrer Biotope angewiesen wären. »Das liegt vor allem daran, dass die Landschaft in der näheren Umgebung noch nicht gestaltet ist«, so Reck. »Das Umfeld von Grünbrücken muss naturnah gestaltet werden. Der Gedanke dabei ist, möglichst wenig Geld in Betonbauten stecken zu müssen, indem stattdessen die Lebensbedingungen der Quellpopulationen optimiert werden.«
Wo Querungshilfen unbedingt erforderlich sind und wo es reicht, die Lebensräume von gefährdeten Arten zu optimieren, darüber rätseln die Wissenschaftler noch. Um hierauf Antworten zu bekommen, entwickeln sie ein Computermodell, das die meist zufallsabhängigen Bewegungen von Tieren und die Dynamik ihrer Populationen simuliert. »Im Moment ist der Wissenstand unbefriedigend«, so Reck. »Immer mehr Studien zeigen weltweit, dass das langfristige Überleben von Arten davon abhängt, dass Ortswechsel möglich bleiben. Das ökologische Wissen darüber, wie die Landnutzung Ausbreitungsvorgänge beeinflusst, ist nach wie vor extrem gering.« (ne)
Der 1949 gegründete Bund der Steuerzahler arbeitet gemäß seiner Satzung überparteilich, unabhängig und gemeinnützig und hat nach eigenen Angaben etwa 350.000 Mitglieder. Neben Mitgliedsbeiträgen, Spenden und den finanziellen Vorteilen aus seiner Gemeinnützigkeit hat er keine anderen Einnahmequellen. Mit dem Karl-Bräuer-Institut (KBI) verfügt der Verein über eine eigene finanzwissenschaftliche Forschungseinrichtung. Das Institut gibt zahlreiche Veröffentlichungen zu steuer- und finanzpolitischen Themen heraus, mit denen es insbesondere für einen schlanken und sparsamen Staat, für weniger Staatsschulden und niedrigere Abgaben sowie für eine gerechte und einfache Besteuerung eintritt. (ne)
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