Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,in einem anstrengenden Hauruck-Verfahren müssen die Universitäten in Deutschland und den europäischen Nachbarländern das anglo-amerikanische System der Bachelor- und Masterabschlüsse einführen – das größte Reformvorhaben seit Humboldt. Die Kieler Universität hat diesen »Bologna-Prozess« vollzogen und fast alle Studiengänge in diesem Wintersemester umgestellt.
Wie bei vielen Großunternehmungen läuft man auch hierbei Gefahr, das eigentliche Ziel des Vorhabens über den Detailsteuerungen aus dem Blick zu verlieren. Eines der Hauptziele lautete ursprünglich: Schaffung eines europäischen Hochschulraumes und Verbesserung der Wechselmöglichkeiten von Studierenden und Dozenten zwischen den Hochschulen und zwischen den Ländern. Wie sieht es damit nun aus?
Obwohl die Voraussetzungen geschaffen wurden (alle Studienleistungen werden mittels eines einheitlichen europäischen Punktesystem honoriert), liegt die Zahl der Studierenden, die während des Bachelor- oder Masterstudiums ins Ausland gehen, derzeit noch bei 16 Prozent, während aus traditionellen Studiengängen immerhin 24 Prozent diesen Schritt machen. Hinweise darauf, dass sich die meisten Bachelorstudierenden noch ganz am Anfang ihres Studiums befinden, sind zwar berechtigt, sollten uns aber nicht über die Gefahr hinwegtäuschen, welche die starke Verschulung der beiden aufeinander aufbauenden Studiengänge mit Bachelor- oder Masterabschluss bedeutet.
Man wird deshalb nach den ersten Erfahrungen mit dem neuen System eigens Freiräume für Auslandsaufenthalte – in der Verwaltungssprache »Mobilitätsfenster« – schaffen müssen, um dem eigentlichen Ziel des Bologna-Prozesses gerecht zu werden. Gemeinsame Lehrveranstaltungen unterschiedlicher europäischer Hochschulen müssen wachsen, auch Praktika im Ausland sollten stärker gefördert werden. Die Universitäten müssen also neue Kooperationsformen für ihre Studierenden entwickeln, um das eigentliche Bologna-Ziel nicht zu vernachlässigen. Es wird nicht einfach sein, in das vollgepfropfte Bachelorstudium auch diese Elemente noch aufzunehmen. Daran führt jedoch kein Weg vorbei!
Professor Dr. Gerhard Fouquet
Prorektor für Studium und Lehre
Designierter Universitätspräsident
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