Vorbei am Pflegeheim
Zuhause und umsorgt von der Familie alt werden. Wer will das nicht? Das Projekt »Generationenfreundliche Gemeinden« soll diesen Wunsch erfüllen helfen.

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Für Gerhard Berger, der sich am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Kiel seit Jahren mit dieser Problematik beschäftigt, ist das kein Wunder. Abgesehen von der nicht zu leugnenden Tatsache, dass bestimmte schwere körperliche Gebrechen selbst unter nahezu optimalen Bedingungen keine Alternative zum Heim zulassen, gibt es nach seiner Erfahrung aber eine Reihe von Faktoren, die durchaus zu beeinflussen sind.
»Die Situation ist für Betroffene und oft auch für ihre Angehörigen ziemlich undurchsichtig«, nennt Berger eine entscheidende Schwachstelle im System. Pflegeversicherung und Pflegestufen, Haushaltshilfe und ambulante Pflegedienste, Essen auf Rädern und Hausnotruf: Alles ist da, aber kaum einer weiß Bescheid und ist in der Lage, aus dem Dickicht von Angeboten, Möglichkeiten und Vorschriften die wirklich passende Lösung herauszufiltern.
Im Frühjahr 2006 begannen deshalb bei den Kieler Soziologen die Vorarbeiten zu dem Projekt "Generationenfreundliche Gemeinden". "Generationenfreundlich deshalb, weil einerseits – angefangen bei der Barrierefreiheit – vieles, was alten Menschen nützt, auch behinderten- und familienfreundlich ist. Und weil andererseits stets die ganze Familie handfeste Vorteile hat, wenn sie Oma oder Opa gut aufgehoben weiß.
Um das zu gewährleisten, hat Berger zunächst in drei Gemeinden aus dem Landkreis Rendsburg-Eckernförde einen so genannten Lotsendienst auf den Weg gebracht. Eine unabhängige Beratungsstelle, die ältere Menschen individuell an die Hand nimmt und hilft, pass-genaue Entwürfe für ein Leben aufzubauen, das möglichst lange genau so geführt werden kann, wie die Betroffenen es sich vorstellen.
Bereits im September 2007 hat eine mit zwei Halbtagskräften besetzte Lotsenstelle in der Stadt Eckernförde ihren Betrieb aufgenommen. Mit dabei ist seit Jahresbeginn auch die Nachbargemeinde Altenholz, und verbindlich in den Startlöchern stehen die Gemeinden Flintbek und Molfsee samt den dazugehörigen Amtsgemeinden.
Mit seiner Einschätzung, dass zunächst ein enormes Maß an Vorarbeiten nötig ist, ehe ein solcher Lotsendienst umfassend funktioniert, scheint Soziologe Berger dabei völlig richtig gelegen zu haben. »Man kann nicht einfach die Bürotür aufmachen und drauflos beraten«, bestätigt Lutz Oetker vom Verein Pro Regio, der gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt und der Diakonie die Trägerschaft für den Eckernförder Lotsendienst übernommen hat. Überaus zeitraubend ist laut Oetker besonders, alle bereits vorhandenen Angebote für Senioren zu ermitteln, in einer Datenbank zusammenzufassen und daraus praxisgerechte Strukturen zu formen. Im Eckernförder Stadtgebiet gilt es dabei nach seiner Einschätzung, ein selbst für Fachleute kaum überschaubares Maß an Möglichkeiten zu sortieren, während andererseits in kleineren Dörfern der Umgebung pure Mangelverwaltung angesagt ist.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Lotsendienst oft erst dann gefragt ist, wenn von jetzt auf gleich etwas passieren muss. Klassischer Fall: Ein alter Mensch lebte lange eigenständig in seiner Wohnung, dann aber kam es zu einem Unfall oder einer Krankheit mit entsprechendem Klinikaufenthalt. Stellt sich dabei heraus, das nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ein Leben in bewährter Eigenständigkeit nicht mehr möglich ist, beginnt das eigentliche Problem: Entweder es gelingt, unter Einbindung von Angehörigen wie professionellen und ehrenamtlichen Diensten schnell ein Netz der gesicherten Hilfe zu knüpfen – oder aber es steht der Umzug ins Pflegeheim an.
Ideal, so betont Gerhard Berger, wäre es deshalb, wenn die Menschen spätestens im Alter von 60 Jahren solche Beratungsstellen aufsuchten, um gezielt für den Fall der Fälle vorzubauen. Weil aber kaum etwas so gern verdrängt wird wie der Gedanke ans eigene Alter, dürfte noch viel Überzeugungsarbeit nötig sein, ehe dies in nennenswertem Ausmaß geschieht. Kaum Überzeugungsarbeit ist hingegen nötig, um die Entscheidungsträger vom Wert solcher Seniorenlotsen zu überzeugen. Vorgängerprojekte, die in allerdings viel grobmaschigerem Maßstab betrieben wurden als das jetzige, liefern nach Angaben von Berger eindeutige Argumente: Aufgrund von Minderausgaben für die Heimunterbringung sparen derartige Beratungsstellen doppelt so viel ein, wie sie kosten. (mag)
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