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unizeit Nr. 46 vom 09.02.2008, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Die Gesellschaft und ihre Alten

Demographischer Wandel: Kaum ein anderes Thema ist so mit Klischees, Vorurteilen und Halbwahrheiten besetzt – so der Kieler Soziologe Dr. Klaus R. Schroeter.


Geduld und Erfahrung führen beim Angeln zum Erfolg. Darüber freuen sich auch die Enkel.

Früher war alles besser: Die Gesellschaft brachte ihren Alten Achtung, wenn nicht Verehrung entgegen, schätzte ihre Erfahrung und Weisheit, pflegte und betreute sie ganz selbstverständlich bis zu allerletzt im trauten Kreise der Großfamilie. Ganz anders die Gegenwart: Kaum ist jemand 50, wird er sachte aufs berufliche Abstellgleis geschoben, aus der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen entlassen und bei den ersten Anzeichen ernsthafter Zipperlein ins Pflegeheim verfrachtet.

»Alles Quatsch«, befindet Privatdozent Klaus R. Schroeter und ärgert sich über »großen Unsinn und Angstmacherei«, die durch zahlreiche populärwissenschaftliche Publikationen geistern. Schroeter, Gründungsmitglied und stellvertretender Sprecher der Sektion "Alter(n) und Gesellschaft" in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, widmet sich seit etwa 20 Jahren der Altersforschung und hält es anders als die Verkünder des "Krieges der Generationen" lieber mit profunden Daten.

Die nämlich zeigen ein deutlich vielschichtigeres Bild. Immer noch leben beispielsweise 27 Prozent der über 69-Jährigen mit ihren Kindern in ein und demselben Haus. Erweitert man dieses räumliche Kriterium auf den Bereich der engeren Nachbarschaft, ergibt sich laut Schroeter sogar eine Quote von etwa 40 Prozent. »Die Familie ist der größte Pflegedienst, den es überhaupt gibt«, schließt der Soziologe aus den Zahlen, die bei näherem Hinsehen weitere ermutigende Aspekte zeigen. So ist – wie allseits behauptet – die Pflege zwar zunächst tatsächlich eine Angelegenheit der Töchter und Schwiegertöchter, doch steht dem eine wachsende Zahl von Männern gegenüber, die unterstützend oder weitgehend allein für ihre Mutter oder ihren Vater sorgen. Und auch das Szenario, wonach die selbstverständlich werdende Erwerbstätigkeit von Frauen über kurz oder lang zu einem Abschied der Familie von der Pflege führt, lässt sich zumindest aus den aktuellen Daten keineswegs ableiten. »Oft entscheiden sich Frauen vielmehr für Pflege statt Beruf«, rückt Schroeter die Vision vom unweigerlichen Kollaps der Sozialsysteme zurecht.

Überhaupt berücksichtigen nach Einschätzung des Kieler Sozialwissenschaftlers viele Prognosen nicht, was Fachleute als "Verjüngung des Alters" bezeichnen. »Heutige 70- bis 80-Jährige entsprechen von ihrem Zustand her den 50- bis 60-Jährigen vor 20 Jahren«, betont Schroeter, dass Alter ganz und gar nicht zwangsläufig Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit bedeutet.

Zudem traut Schroeter dem politischen System die Lernfähigkeit zu, in gebotener Weise auf den demographischen Wandel und die bevorstehende zahlenmäßige Dominanz der Älteren zu reagieren. Die beliebten Schreckensszenarien à la "Aufstand der Alten" büßen insofern schnell von ihrem gruseligen Reiz ein. Stattdessen tun sich neue Chancen auf. Die Erfahrung der in Ehren Ergrauten zu nutzen, sich ein Stück weit ihre Gelassenheit zu eigen zu machen und nicht jedem Trend hektisch hinterher zu rennen, darin liegt für Schroeter der eigentliche Reiz des demografischen Wandels.

Die historisch erstmalige Situation, dass es bald mehr Alte als Junge in Deutschland geben wird, gleicht für Schroeter deshalb einem »riesigen Sozialexperiment.« Das, so räumt er ein, wird zwar erhebliche Probleme aufwerfen, aber »weiß Gott nicht den gesellschaftlichen Untergang herbeiführen.« (mag)
Ab 30 beginnt das Altern
Ab wann beginnt der Mensch zu altern? Manche Wissenschaftler behaupten zwar, dieser Prozess beginne bereits mit der Geburt, doch überwiegend sind sich die Fachleute einig, dass der betreffende Zeitpunkt bedeutend später angesetzt werden sollte. Die maximale körperliche Leistungsfähigkeit wird demnach etwa um das 30. Lebensjahr herum erreicht. Und das bedeutet andersherum: Von nun an geht’s abwärts.

Die Mineraldichte der Knochen lässt ebenso nach wie die Leistungsfähigkeit der Organe, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. So beträgt die Stoffwechselleistung eines 50-Jährigen im Vergleich zu einem 30-Jährigen im Mittel noch 85 Prozent und sinkt bis zum 80. Lebensjahr sehr langsam auf 82 Prozent ab. Schneller bergab geht es mit der Vitalkapazität der Lunge, also dem maximalen Volumen beim Ein- und Ausatmen. Ein 50-Jähriger erreicht nur noch 77 Prozent eines 30-Jährigen, bei 80-Jährigen sinkt dieser Wert durchschnittlich gar auf 62 Prozent.

Machtlos ausgeliefert ist der Mensch dieser Entwicklung aber nicht. Professorin Manuela Dittmar, Spezialistin auf dem Gebiet der biologischen Altersforschung, hebt vielmehr den massiven Einfluss der Lebensfüh-rung auf den Alterungsprozess hervor. Gesunde Ernährung, Verzicht auf Laster wie Rauchen oder übermäßigen Alkoholgenuss und besonders Sport sind die entscheidenden Stellschrauben, um seinem Körper etliche Jährchen abzuluchsen. »Ein 60-Jähriger, der regelmäßig Ausdauertraining macht, erreicht ungefähr die Vitalkapazität eines untrainierten 40-Jährigen«, nennt die Biologin ein Beispiel. Ähnlich segensreich wirkt sich nach ihren Angaben Krafttraining auf die Mineraldichte der Knochen aus.

Zu spät zum Anfangen ist es dabei im Grunde genommen nie. Selbst 80-Jährige haben nach einer Untersuchung mit behutsamem Krafttraining innerhalb weniger Monate ihre Muskelkraft in einigen Fällen glatt verdoppelt. Blinder Aktionismus, so warnt Professor Dittmar, kann aber böse nach hinten losgehen. Wer im höheren Alter sportlich aktiv werden will, sollte deshalb zuvor unbedingt ärztlichen Rat einholen. (mag)
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