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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 46 vom 09.02.2008, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Jenseits von Feten

Von lockerem Studentenleben keine Spur: Leistungsdruck, Prüfungsängste und Lernprobleme machen vielen Studierenden zu schaffen.


Prüfung verbockt, Hausarbeit stockt, nichts geht voran. Wer mit der Kraft am Ende ist, sollte sich beraten lassen. Foto: Wyeth Pharma GmbH

Experten schätzen: Rund ein Viertel der Hochschüler hat psychische Probleme. Dorothee Katz kennt sie. Seit acht Jahren berät die Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Studierende aller Fachrichtungen, die alleine nicht mehr weiter wissen. Rund 200 fanden 2006 den Weg zu ihr und ihrer Kollegin Marie-Therese Bockhorst in die psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks Schleswig-Holstein im Steenbeker Weg 20. Doch das dürfte nur die Spitze eines Eisbergs sein, wie eine repräsentative Befragung der Universität Konstanz bei 8350 Studenten an 16 Universitäten und 9 Fachhochschulen vermuten lässt. Danach leiden 36 Prozent der Studenten unter massiven Prüfungsängsten, 24 Prozent fühlen sich durch die hohen Leistungsanforderungen "stark belastet". Die 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks weist auf einen erheblichen Bedarf an Beratung und Information hin. Von den 16.590 im Jahr 2006 befragten Studierenden hatten bis zu 16 Prozent Beratungsbedarf zu Themen wie Lern- und Leistungsprobleme, Prüfungsangst oder Arbeits- und Zeitmanagement. Etwa jeder Sechste hatte Zweifel, das Studium fortzuführen, 14 Prozent benötigten Beratung zu depressiven Verstimmungen.

»Der überwiegende Teil der Ratsuchenden kommt wegen Lern- und Prüfungsproblemen in die Beratung«, berichtet Katz. Manch einer merkt erst spät, dass er das falsche Fach gewählt hat. »Die Probleme sind aber meist vielschichtig. Ursache für die Lernstörung kann zum Beispiel eine Depression sein oder eine Angststörung.« Depressive Symptome hängen eng mit Lern- und Leistungsstörungen zusammen, wie amerikanische Studien gezeigt haben. »Je schwerer die Erkrankung, desto schwächer wurden auch die akademischen Leistungen«, berichtet Psychologie-Professorin Gabriele Niebel. Daneben machten familiäre Probleme oder der Verlust der vertrauten Umgebung manchen zu schaffen.

Ein weiteres Problem ist das Aufschieben von Arbeit, Procrastination nennen das Fachleute. Niebel: »Das heißt, man schiebt die Arbeit vor sich her bis man irgendwann Berge hat, die man ohne Hilfe nicht mehr bewältigen kann.« Die Aufschieberitis muss nicht mit Depressivität zusammenhängen, sondern ist oft auf fehlende Arbeitsorganisation zurückzuführen, weiß Niebel, die Studierenden der Psychologie psychologische Beratung anbietet. Nach ihrer Ansicht könnten durch frühzeitige Intervention viele Probleme mit dem Studium vermieden werden. Studierende müssten bereits am Anfang ihrer Universitätslauf-bahn Lerntechniken, Stressmanagement und Selbstsicherheit lernen. »Ich leite seit Jahren im Rahmen der klinischen Ausbildung solche Seminare und werte diese aus. Die Teilnehmer profitieren davon. Sie sind weniger sozial ängstlich, fühlen sich selbstsicherer, und das wirkt sich auch auf ihr Studium aus.«

Wem rät sie, Hilfe zu suchen? »Wer das Gefühl hat, er kriegt sein Leben allein nicht mehr in den Griff, vielleicht sehr viel weint, wochenlang abends alleine zu Hause sitzt und nicht in die Gänge kommt, sollte sich beraten lassen.« Hier sei zunächst ein diagnostisches Gespräch erforderlich, in dem die Möglichkeiten rascher und gezielter fachlicher Hilfe ausgelotet werden. Manchmal hilft schon ein Beratungsgespräch mit weiterführenden Kontakten, bei ernsten Störungen, zum Beispiel bei Angst- oder Essstörungen sind jedoch stationäre oder ambulante Therapien erforderlich. »Eine einmalige Beratung ist relativ selten«, sagt Dorothee Katz. »Wir machen meist mehrere Gespräche. Falls eine Therapie erforderlich ist, zum Beispiel bei einer Depression, helfen wir bei der Suche nach einem Therapieplatz, versuchen Betroffenen die Angst davor zu nehmen und überbrücken die Wartezeit. Wenn belastende Lebensumstände vorliegen, etwa eine Krebserkrankung eines Elternteils, begleiten wir Ratsuchende auch längerfristig.«

Die seelische Gesundheit der Studierenden sollte uns sehr viel mehr wert sein, als es bisher der Fall ist, wünscht sich Gabriele Niebel. Leistungseinbrüche oder der vorzeitige Abbruch des Studiums können die Folge von psychischen Problemen sein. Deutschland-weit verlassen 25 Prozent der Studierenden die Hochschule ohne einen Abschluss. Ein Problem, das amerikanische Universitäten längst angepackt haben. Dort, erzählt Niebel, gäbe es die Pflicht, Studenten mit psychischen Problemen zu beraten. Spezielle Abteilungen, die beraten und betreuen, haben diese Aufgabe übernommen. Das könne auch für deutsche Universitäten ein Vorbild sein.

In Kiel liegt die psychologische Beratung der Studierenden in der Hand des Studentenwerkes. Ratsuchende können hier anonym und ohne lange Wartezeiten Hilfe erwarten. »Wir versuchen, ein Erstgespräch innerhalb der nächsten Woche zu terminieren«, versichert Dorothee Katz. »Dann entscheidet die Dringlichkeit, ob jemand auf die Warteliste muss, bis er eine fortlaufende Beratung bekommt. Auf der Warteliste sind aber immer nur zwei bis drei Studierende.«

Unterstützung für Studierende bietet ab April ein Interventionsteam – genannt verbateam-kiel – an. Mitglieder des Teams sind Studierende des Instituts für Pädagogik. Sie wollen Rat suchenden Studierenden den Zugang zu Service- und Beratungsangeboten der Hochschule erleichtern und wurden am Institut eigens auf diese Aufgabe vorbereitet. (ne)



Erste Anlaufstelle auch bei persönlichen Problemen im Studium, Studienfachwechsel, Studienabbruch:
Zentrale Studienberatung
Christian-Albrechts-Platz 5 (Anbau Uni-Hochhaus).
Beratung: montags und mitt-wochs 9 bis 11:30, 14 bis 16 Uhr,
donnerstags 9 bis 11:30 Uhr.
Telefonische Sprechzeiten: montags bis donners-tags 9 bis 11:30 Uhr, Tel 0431/880-7440
www.zsb.uni-kiel.de

Psychologische Beratung bei Lern- und Leistungsstörungen, Studienkonflikten, Prüfungsängsten, Selbst-wertproblemen, Kontaktstörungen etc. Ab April neues Gruppenangebot für Studierende mit Lernstörungen und Prüfungsängsten:
Beratungsstelle des Studentenwerks Schleswig-Holstein,
Steenbeker Weg 20 (Eingang auf der Rückseite).
Montags und mittwochs, 14 bis 15 Uhr,
persönliche Terminabsprachen am Telefon, Tel 0431/8816-325 (Anrufbeantworter)
www.studentenwerk-s-h.de

Gute Informationen im Internet bei der Freien Universität Berlin
www.fu-berlin.de/studienberatung
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