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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 46 vom 09.02.2008, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Reise in die Vergangenheit

Mit Engagement und Begeisterung entschlüsselten angehende Historiker der Kieler Universität eine Handschrift aus dem frühen 17. Jahrhundert.


Sina Westphal, Christian Hagen und Tobias Delfs (sitzend von links) lüfteten zusammen mit anderen Geschichtsstudenten die Rätsel einer alten Handschrift. Professor Gerhardt Fouquet (stehend) leitete die achtköpfige Arbeitsgruppe an. Foto: pur.pur

»Alles begann in einem Lektürekurs, der sich mit Reiseberichten aus dem Mittelalter beschäftigte«, berichtet Professor Gerhard Fouquet, der den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte am Historischen Seminar inne hat. Einige Kursteilnehmer hatten die Idee, ein Autograph, ein altes handschriftliches Manuskript, eigenständig zu studieren, und gründeten eine Arbeitsgruppe. Die Wahl fiel auf eine Schrift aus dem Jahr 1603. Der Autor beschreibt darin eine Pilgerreise ins Heilige Land aus dem Jahr 1494. »Wie spannend der Text sein würde, ahnten wir da noch nicht«, sagte Tobias Delfs, der sich intensiv mit der Herkunft der Schrift auseinandersetzte. In regelmäßigen Sitzungen, jeweils am Freitagnachmittag, traf sich die Arbeitsgruppe, um gemeinsam die alte Schrift lesen zu lernen, sie in die heutige Druckschrift zu übertragen und sich so nach und nach die Geheimnisse des Textes zu erschließen.

Ihr Lehrer war bei diesen Treffen als Mentor dabei. »Die Studierenden sollten sich die Dinge in einer Art Gruppenerlebnis selbst erarbeiten«, erklärte Fouquet. Ein wesentliches didaktisches Ziel dabei war das Erlernen der deutschen Schreibschrift. Wie ABC-Schützen haben sie sich jedes einzelne Wort vorgenommen und überlegt, aus welchen Buchstaben es zusammengesetzt sein könnte. Erschwert wurde das dadurch, das die Rechtschreibung damals nicht normiert war. Fouquet: »Das Wort "und" zum Beispiel kam in den unterschiedlichsten Formationen vor, mal als "und", mal als "vnd", mal als "vnnd" oder als "vndt", und das mitunter alles auf einer Seite. Daher kann man am Anfang nie sicher sein, wenn man die Schrift Buchstabe für Buchstabe zusammensetzt, was das Wort bedeutet. Diese Arbeit ist unerlässlich. Wer als Historiker arbeiten will, muss die deutsche Schreibschrift lesen lernen.«

Das Lesen und Übertragen der Schrift allein ist aber nur der Anfang. Um den Text zu verstehen und einordnen zu können, bedarf es mehr. Veraltete Begriffe müssen übersetzt, Orte, die heute anders heißen, beschrieben werden. Herkunft, Bedeutung und Beziehungen der genannten Personen lassen sich oft erst durch die Lektüre anderer Quellen erschließen. Diese Aufgaben wurden in der Arbeitsgruppe verteilt. Zum Schluss musste jeder Spezialist seine Arbeit für die Veröffentlichung niederlegen, die im Herbst 2007 als Buch erschienen ist. Es enthält die Edition des Reiseberichts und ergänzend dazu Beiträge, die diesen unter unterschiedlichen Aspekten beleuch-ten, außerdem ein Verzeichnis heilsgeschichtlicher Personen, ein Register, eine Karte mit dem Reiseweg sowie Aufbau und Besatzung der Galeere. Trotz der Arbeitsteilung gingen Jahre ins Land: Von April 2004 bis Ende 2005 dauerte die reine Textarbeit, im Februar 2006 reisten alle Mitstreiter gemeinsam nach Venedig, dem Ausgangs- und Endpunkt der geschilderten Schiffsreise nach Jerusalem, und Anfang 2007 waren alle Beiträge für die Veröffentlichung beisammen.

War es die Mühe wert? Auf jeden Fall, meint Christian Hagen, der Spezialist für die geogra-phischen Begriffe des Berichts. »Im Gegensatz zu normalen Seminaren, wo man immer wieder dasselbe durcharbeitet, Schriften liest, die bekannt sind, hatte man hier die Gelegenheit, etwas Jahrhundertealtes zu lesen, was bisher vielleicht nur wenige überflogen haben. Das ist schon spannend.« »Es hat sehr viel Spaß gemacht, dem Text seine Geheimnisse zu entreißen, auch wenn es mühsam war«, versichert Sina Westphal. »Wenn man eine Handschrift lesen kann, dann erschließen sich einem auch andere Schriften leichter.« Aber trotz intensiver Recherche in anderen Quellen und Parallelberichten der gleichen Reise konnten nicht alle Rätsel gelöst werden. »Dass wir den Namen des Reisenden nicht herausgefunden haben, ist schon bitter«, gibt Tobias Delfs zu. »Wir hofften noch vor Ort, in Venedig, etwas zu finden, vielleicht Listen von Schiffspassagieren. Die gab es aber nicht mehr.« So bitter diese Erfahrung ist, auch sie gehört zum Alltagsgeschäft eines Historikers. Nicht alle Rätsel der Vergangenheit lassen sich aufklären, dafür offenbaren sich aber oft Einblicke, mit denen man vorher nicht gerech-net hat. Fouquet: »Den Bericht zeichnen in ganz besonderer Weise die wunderbaren Einzelbeobachtungen aus. Als der Verfasser Zeuge eines Erdbebens wird, beschreibt er ganz genau, was um ihn herum passiert. Man findet selten einen so gut geschriebenen Bericht.« Es lohne sich, den Bericht wegen der Anekdoten zu lesen. Inhaltlich interessant sei vor allem, wie der Verfasser, ein deutscher Adeliger, das kulturell und religiös Fremde wahrgenommen habe. (ne)

Zum Weiterlesen: Gerhardt Fouquet (Hrsg.): Die Reise eines niederadeligen Anonymus ins Heilige Land im Jahr 1494. Lang, Frankfurt/Main 2007
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