Schwarze Witwen
Wie Menschen im 18. Jahrhundert lebten, was sie fühlten, offenbaren Gerichtsakten aus dieser Zeit. Die Kieler Volkskundlerin Silke Göttsch-Elten hat Mordfälle an Ehegatten analysiert.

Im 18. Jahrhundert war es Frauen nahezu unmöglich, aus einer unglücklichen Ehe auszubrechen. Fotomontage: pur.pur
Daher dürfte nicht jeder Mord erkannt und gerichtlich untersucht worden sein. Für den Zeitraum von 1700 bis 1810 hat die Wissenschaftlerin Kriminalakten von 56 Mordfällen in Schleswig-Holstein gefunden, an denen Frauen allein oder maßgeblich beteiligt waren. In 16 Fällen davon waren es Ehefrauen, die ihren Mann töteten. Göttsch-Elten nahm vor allem diese Gattenmörderinnen genauer unter Lupe. Sie wollte wissen, welche Konflikte den Taten zu Grunde lagen, warum Mord oder versuchter Mord für die Frauen als Lösung erschien und ob die Konflikte wie auch ihre Lösung geschlechtsspezifisch waren. »Mich interessieren die Lebensverhältnisse von Menschen in der Vormoderne. Ich glaube, dass viele Dinge, die wir eigentlich eher in die Moderne rechnen, bereits in der frühen Neuzeit vorhanden waren. Zum Beispiel, wie Liebe thematisiert wird oder welche Erwartungen Frauen an die Ehe haben.« Kriminalakten seien eine gute Möglichkeit, so die Wissenschaftlerin, Einblick in die Lebenswelt von Frauen in der frühen Neuzeit zu bekommen.
Interessant sind die Akten auch, weil ein Fall aus mehreren Perspektiven beleuchtet wird. Es wird nicht nur die des Mordes verdächtigte Ehefrau befragt, sondern auch die Nachbarn oder der Apotheker. »Es ist eine Zeit, in der man anfängt, ausführlicher zu vernehmen und auch über die Psychologie nachzudenken. Also sich zu fragen, sind diese Frauen böse und verworfen, oder sind es die Lebensverhältnisse, die sie so gemacht haben.« Zu diesen Lebensverhältnissen zählte zum Beispiel, dass die untersuchten Frauen aus dem bäuerlichen Milieu bereits äußerst jung verheiratet worden waren, nämlich mit 16 oder 17 Jahren. Sie konnten sich ihren Mann nicht aussuchen. Andere wiederum, die vorher als Mägde gedient hatten, waren bei der Eheschließung bereits um 27 Jahre alt. Da die Heiratschancen mit zunehmendem Alter schwanden, konnten sie nicht besonders wählerisch sein. »So nahm Margarethe Pingel vier kleine Kinder in Kauf, oder eine andere Magd ließ einen Heiratsvermittler einen Mann für sie suchen, sie gab das Eheversprechen, ohne ihn zu kennen«, berichtet Göttsch-Elten. Die Motive für den Mord oder Mordversuch lagen vor allem in den Schwierigkeiten, den Rollenerwartungen des Ehemanns gerecht zu werden oder in der Enttäuschung individueller Erwartungen an die Ehe. »Einige hatten einen sozialen Aufstieg erwartet, der nicht eingetreten ist, andere fühlten sich nicht geliebt, der Mann hatte ihnen den Zugang zum Haus verwehrt oder sie vor anderen schlecht gemacht.« (ne)
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