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unizeit Nr. 46 vom 09.02.2008, Seite 8  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Böses Erwachen

Sieben Prozent aller Erstklässler machen noch jede Nacht ins Bett. Am meisten leiden sie selbst darunter.


Kein schöner Start in den Tag: Kinder schämen sich, wenn das Bett morgens nass ist. Foto: Getty Images

Tim* war ein "Enuretiker": Er ist neun Jahre alt und hat bis vor kurzem fast jede Nacht ins Bett gemacht, manchmal sogar bis zu drei Mal. In der Schule weiß keiner etwas davon, es ist ein Geheimnis, das er nur mit seiner Familie teilt. Alle anderen sind schließlich anders, denkt er. Statistisch gesehen sitzen jedoch in jeder ersten Schulklasse drei bis vier "Bettnässer". Die Kinderärzte raten in der Regel zur Geduld, wenn sich die betroffenen Eltern an sie wenden. Denn zum einen besteht Einigkeit darüber, dass Bettnässen keine Erkrankung ist, und zum anderen ist die Ursache dafür weitestgehend ungeklärt.

Professor Paul Eggert von der Kinderklinik der Uni Kiel hat vor zehn Jahren angefangen, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen: »Auch wenn das Bettnässen eher eine Entwicklungsverzögerung ist, kann es zu einer großen Belastung werden, mit der man die Kinder und ihre Familien nicht alleine lassen darf.« Viele Eltern machen sich Sorgen, weil sie glauben, das nächtliche Einnässen ihrer Kinder sei psychisch bedingt. Andere meinen, die Kinder würden schlicht zu viel trinken vor dem Schlafengehen und dann sozusagen "überlaufen". Das kann mit einem Hormon behandelt werden, das die nächtliche Urinproduktion hemmt. Es zeigt gute Erfolge – jedoch aus ganz anderen Gründen, als eigentlich vermutet. Eggert dazu: »Die Theorie, dass diese Kinder nachts zu viel Urin produzieren, stammt aus den siebziger Jahren und lässt sich nicht halten. Wir sehen den Kernpunkt des nächtlichen Einnässens im Schlaf der Kinder. Alle betroffenen Eltern berichten, wie unendlich tief ihre Kinder schlafen. Wir konnten nachweisen, dass sie durch das Hormon nicht mehr so fest schlafen und ihre Blasenkontrolle verbessert wird. Da sehen wir den Schlüssel zur Lösung.« Diese Theorie ist jedoch nicht neu, sondern erstmals vor über 100 Jahren formuliert worden, dann aber wieder in Vergessenheit geraten.

Der tiefe Schlaf, in dem der Urin nicht gehalten werden kann, ist durch eine Entwicklungsverzögerung des zentralen Nervensystems begründet. Der Tipp der Kinderärzte, sich in Geduld zu üben und den Kindern Zeit zu geben, ist deshalb nicht ganz unbegründet. Trotzdem gibt es einen Punkt, ab dem man über eine Behandlung nachdenken sollte, meint Eggert: »Wenn das Kind anfängt, darunter zu leiden, dass es nachts ins Bett macht. Meist ist das im frühen Schulalter, wenn es merkt, dass andere Kinder das Problem nicht haben und sich vielleicht sogar über "Bettnässer" lustig machen. Spätestens ab einem Alter von acht, neun Jahren sollte man sich dann wirklich Hilfe holen, damit der Leidensdruck keinen psychischen Schaden beim Kind hinterlässt.«

Betroffen sind etwa viermal so viele Jungs wie Mädchen, da die Hirnreifung der Geschlechter in der Regel unterschiedlich schnell verläuft. Bei Tim kommt noch dazu, dass das Bettnässen in der Familie liegt. Es ist bekannt, dass das Phänomen vererbt werden kann. Seine Mutter kann sich deshalb besonders gut in seine Lage versetzen: »Ich habe fast jede Nacht ins Bett gemacht, bis ich etwa zwölf war, und meine Schwiegermutter war auch Bettnässerin. Deswegen lasse ich mich nicht von den vielen gut gemeinten Ratschlägen von Freunden beeinflussen, was das Bettnässen von Tim betrifft. Denn jedes Experiment bedeutet einen Rückschlag für das Kind und große Enttäuschung, sollte es fehlschlagen.«

Die Behandlungsmethoden sind so vielfältig wie die Theorien über die Ursache. Regelmäßiges Wecken, Antidepressiva und Gesprächstherapie gehören dazu. Neben dem Medikament, das Urinproduktion mindert und den Schlaf beeinflusst, ist die "Klingelhose" die häufigste Therapieart. Dabei trägt das Kind nachts speziell präparierte Hosen, die mit einem Fühler ausgestattet sind – beim ersten Tropfen Flüssigkeit wird das Kind durch ein lautes Signalgeräusch geweckt. So können Enuretiker den tiefen Schlaf überlisten, und das Bett bleibt trocken. Mit der Zeit tritt ein Lerneffekt ein, so dass die Kinder nach einigen Wochen auch ohne Klingelhose aufwachen, wenn ihre Blase voll ist. Nachteil dieser Methode ist, dass oft die gesamte Familie mit aufwacht, in schlimmen Fällen mehrmals pro Nacht – eine Belastung, die nicht alle Eltern aushalten.

Obwohl Tim sich anfänglich für eine Behandlung mit der Klingelhose zu alt fühlte, hat er letztendlich zugestimmt. Sein Ziel, bis zur Klassenfahrt im Frühjahr "trocken zu sein, hat er sogar überboten: schon vor Weihnachten konnte er die Klingelhose weglassen – ohne böses Erwachen. Dieser Erfolg war auch für die Familie eine große Erleichterung. »Allein die zusätzliche Wäsche ist schon eine Belastung für die Eltern, jeden Tag Bettwäsche und Schlafanzug waschen. Dann kommen oft noch sozialer Druck und Selbstzweifel hinzu, die können die ganze Familie extrem auf die Probe stellen«, weiß Eggert, »wenn das Einnässen aber nicht zu einem Tabuthema gemacht wird und die Eltern mit ihren Kindern gemeinsam eine Lösung suchen, kann man das Problem in etwa drei Monaten in den Griff bekommen.« (jz)

* Name von der Redaktion geändert
Klinik für Allgemeine Pädiatrie,
Schwanenweg 20, Tel 0431/597-1652
www.paediatrie-kiel.uk-sh.de
Sprechstunde: montags 7:45 bis 12 Uhr und 13:45 bis 16 Uhr
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