Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,Zivilcourage und unbestechliches, mutiges Eintreten für den Erhalt von Recht, Gerechtigkeit und Menschenwürde sind Grundwerte unserer Gesellschaft und die Bedingung für die freie und unabhängige Pflege der Wissenschaften. Ferdinand Tönnies (1855 bis 1936), der Begründer der modernen Soziologie, ist der Namensgeber einer neu geschaffenen Medaille der Kieler Universität, mit der sie Menschen auszeichnet, die sich in beispielhafter Weise für wissenschaftliche, kulturelle oder politische Belange eingesetzt haben. Tönnies' öffentliche Positionierung 1933 gegen die Nationalsozialisten hat ihn seine berufliche und soziale Stellung gekostet, und doch war sie die einzig vertretbare Reaktion eines Hochschullehrers im Sinne des humanen universitären Selbstverständnisses.
Auf große politische Veränderungen wie die Machtübernahme der Nationalsozialisten haben die Universitäten bekanntlich enttäuschend inadäquat reagiert, bedenkt man die Grundidee Humboldts von der wissenschaftlichen Ausbildung als Charakterbildung, auf die sie sich gerne berufen. Mit der jährlichen Vergabe der Tönnies-Medaille soll der Diskurs innerhalb, aber auch außerhalb der Universität darüber wachgehalten werden, welche Werte uns hier verbinden und in welcher gesellschaftlichen Rolle wir unsere Institution sehen. Vorschläge für die Verleihung können von allen Universitätsmitgliedern kommen. Eine Tönnies-Kommission, in der alle Fakultäten der Christiana Albertina vertreten sind, wählt aus den Vorschlägen geeignete Personen aus, der Senat bestimmt den Preisträger oder die Preisträgerin.
Ich freue mich, dass mit Jan Philipp Reemtsma ein überaus würdiger Preisträger die erste Medaille bekommt. Seine gesamte Arbeit als Wissenschaftler, Publizist und Förderer ist Ausdruck eines mutigen und unabhängigen Geistes, wie ihn die Universitäten Deutschlands oft vermissen ließen. Zur öffentlichen Verleihung am 14. Mai um 18:15 Uhr im Audimax wird er einen Festvortrag halten zum Thema »Wielands letztes Werk«.
Die Kieler Universität will mit der Auszeichnung bundesweit ein Zeichen setzen, sind derartige Ehrungen für Hochschulen doch eher ungewöhnlich. Die Aufgabe der Ferdinand-Tönnies-Medaille ist dabei, daran zu erinnern, dass auch in der Sicherheit einer funktionierenden Demokratie die ständige Auseinandersetzung mit ihren Prinzipien nicht vergessen werden darf.
Professor Thomas Bauer
Rektor
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