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unizeit Nr. 47 vom 12.04.2008, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Dino und Duden

Wie sieht's mit dem Wortschatz von Schülern aus? Das wollen Studenten unter der Leitung von Professor Jörg Kilian vom Germanistischen Seminar herausfinden.


Was im Kindergarten jeder Steppke kennt, ist in ein paar Jahren vergessen: Alwin, Naina, Finn, Zoe und Max (v. l.) glänzen mit sicherem Wissen über Namen und Welt der Dinosaurier. Foto: pur.pur

»Wer vorgeben will, was Schüler lernen sollen, muss zuerst einmal wissen, auf welchem Stand sie sich befinden«, macht Professor Jörg Kilian vom Lehrstuhl für Deutsche Philologie und Didaktik der deutschen Sprache klar. Ein Satz, der leicht gesagt ist und doch mitten aufs Problem zielt. Denn während etwa in Mathematik oder Geografie einigermaßen mühelos ermittelt werden kann, wie es um die Kenntnisse von Schülern bestellt ist, bereitet das beim Wortschatz Schwierigkeiten. Das Elternhaus, die sprachliche Herkunft oder individuelle Neigungen und Interessen ergeben ebenso wie regionale Eigenheiten ein Gemengelage, die beim Erwerb des produktiven und rezeptiven Wortschatzes bei Kindern und Jugendlichen zwar erhebliche Gemeinsamkeiten herausbringt, aber eben auch jede Menge Besonderheiten. Kilian: »Ein Schulkind in München sollte wissen, was eine Semmel ist. Aber muss es auch wissen, was eine Förde ist?«

Zudem verhält es sich keineswegs so, dass der Mensch als Kleinkind mit einem kaum über »Mama« und »Papa« hinausreichenden Wortschatz seine sprachliche Eroberung der Welt startet und dann im Lauf seines Lebens immer mehr Begriffe und deren Benennungen dazulernt. Vielmehr lässt sich ein stetes Wechselspiel zwischen bereits Gewusstem, neu Erlerntem und schon wieder Vergessenem beobachten. Viertklässler, so erläutert der Sprachpädagoge, haben in der Regel eine bemerkenswert breite Palette an Namen von Dinosaurier-Arten parat. Fragt man diese Namen aber bei Sechstklässlern ab, herrscht Fehlanzeige: Die Probanden sind innerhalb von zwei Jahren nicht dümmer geworden, sondern schlicht aus dem "Dino-Alter" herausgewachsen und haben sich stattdessen Begriffe und die dazugehörigen Wörter aus zahlreichen anderen "Fachgebieten" angeeignet.

Doch von derlei Widrigkeiten lassen sich die Kieler Germanisten nicht abschrecken. In Zusammenarbeit mit dem Bildungszentrum Mettenhof (BZM) wollen sie im Sommersemester 2008 innerhalb einer Vorstudie den Schülerinnen und Schülern der fünften und sechsten Klassenstufe der Hauptschule diagnostisch auf den Wortschatz-Zahn fühlen. Die Kieler sind dabei Teil eines Forschungsprojekts, das derzeit in drei Bundesländern vorangetrieben wird. Ziel des Projekts ist es, die entscheidenden Bestandteile von Sprachkompetenz in den Bereichen "Orthografie", "Lesen", "Textproduktion" sowie "Wortschatz und Semantik" wissenschaftlich zu definieren und Wege zu ihrer Förderung zu erarbeiten. Der Blick soll auch erweitert werden auf Altersgruppen der vierten, zehnten und zwölften Klassen. So beschäftigt sich Juniorprofessorin Susanne Riegler in Potsdam mit der Rechtschreibung, Professorin Anne Berkemeier nimmt sich in Heidelberg die Textproduktion vor, Professor Reinold Funke befasst sich ebenfalls in Heidelberg mit dem Leseverständnis, und Professor Kilian bearbeitet in Kiel den Bereich Wortschatz und Bedeutung.

Die diagnostische Vorgehensweise der Germanisten von der Christian- Albrechts- Universität beruht auf einem bewährten Testverfahren zur Ermittlung des produktiven Wortschatzes: Anhand von Bildkarten sollen die Hauptschüler in Gesprächen abgebildete Gegenstände und Handlungen benennen und diese Übung in einem zweiten Schritt vertiefen, indem sie nach Synonymen – also anderen Begriffen für ihre Benennungen – suchen. Zunächst dient das Ganze in erster Linie dazu, die diagnostische Methodik zu verfeinern, also herauszufinden, ob die Ansätze in der Praxis tatsächlich zur Ermittlung des Wortschatzes taugen. Letztendlich aber streben die Wissenschaftler an, aus den Tests Annäherungen an einen allgemeingültigen Ist-Zustand des Wortschatzes der jeweiligen Altersgruppen abzuleiten.

Selbstverständlich erfordert das weitaus mehr Versuchsgruppen als die fünften und sechsten Klassen einer einzigen Hauptschule. Doch erstens reduziert sich der Aufwand, weil dank der Vernetzung mit den Kollegen in Heidelberg und Potsdam die jeweiligen Ergebnisse ausgetauscht und entsprechend angewendet werden. Und zweitens rechtfertigt das – erst in einer zweiten Forschungsphase zu realisie-rende – Ziel nach Überzeugung von Jörg Kilian allemal gehobene Anstrengungen. Denn wenn erst einmal der Ist-Zustand ermittelt ist, wollen die Sprachforscher unter anderem auf der Grundlage von Lehrplänen, Lehrwerken der verschiedenen Schulfächer, Wörterbüchern sowie Texten überregionaler Tageszeitungen und Wortschatzanforderungen verschiedener Berufsfelder einen Soll-Zustand abstecken und schließlich Methoden der Sprachförderung erarbeiten. Zur Erprobung der Methoden sollen den Förderklassen jeweils konventionell unterrichtete Vergleichsklassen gegenübergestellt werden, um herauszufinden, ob die Methode wie erhofft funktioniert. (mag)
Wie viele Wörter braucht der Mensch?
50.000 bis 80.000 Wörter soll der große Goethe in seinem rezeptiven Wortschatz parat gehabt haben. Also in jenem Teil des Wortschatzes, der verstanden, aber nicht zwangsläufig geschrieben oder gesprochen werden kann. Germanist Professor Jörg Kilian hält diese Zahl freilich für »hochspekulativ« und betont, dass belastbare Aussagen zum Wortschatz einzelner Menschen entweder überhaupt nicht oder in nicht repräsentativem Maßstab vorliegen. Einige Anhaltspunkte gibt es dennoch. Sage und schreibe 400.000 Wörter kennt das Grimmsche Wörterbuch, immer noch derer 200.000 finden sich im Duden. Doch schon der Goethesche Wert deutet an, dass sich derlei sprachliche Vielfalt nie und nimmer in einem einzigen Kopf befinden kann. Ist auch nicht nötig: Schon 2.000 Wörter reichen aus, um 80 Prozent des Inhalts einer durchschnittlich anspruchsvollen deutschen Tageszeitung zu verstehen. (mag)
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