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unizeit Nr. 47 vom 12.04.2008, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Die Beute der Weltumsegler

Für eine Ausstellung zur Geschichte des Zoologischen Museums wurden einige Kostbarkeiten aus der wissenschaftlichen Sammlung ausgegraben.


Dieser Vogel ist nie über schleswig-holsteinische Felder spaziert. Der inzwischen ausgestorbene Einsiedler lebte nur auf Rodriquez, einer Nachbarinsel von Mauritius.

Eine Kostbarkeit ist das Skelett des Einsiedlers von Rodriquez (Pezophaps solitarius). Optisch ist das etwa 70 Zentimeter hohe, auf einer Metallstange montierte Knochengerüst des großen Vogels keine besondere Attraktion. Wertvoll und berühmt ist es trotzdem. Denn es ist eines der wenigen vollständigen Skelette, die es überhaupt von dem Ende des 18. Jahrhunderts ausgestorbenen Tier gibt. Der Einsiedler stammt von der kleinen Insel Rodriquez im Indischen Ozean. Er zählt zu den Drontevögeln, die auf den drei Maskareneninseln Mauritius, Reunion und Rodriquez in drei unterschiedlichen Arten vorkamen.

Die flugunfähigen, plumpen Vögel wurden nach der Besiedlung der Inseln innerhalb kurzer Zeit komplett ausgerottet. Ein paar Skelette in Museen sowie Berichte und einige Zeichnungen sind alles, was noch an sie erinnert. Den Einsiedler beschrieb der Franzose François Leguat, der Ende des 17. Jahrhunderts einige Jahre auf Rodriquez lebte.

»Der merkwürdigste Vogel dieser Insel ist der Einsiedler oder Solitär, der so heißt, weil man ihn selten in Gesellschaft, sondern meist allein findet, obwohl er häufig vorkommt. Das Männchen ist grau und braun, fast metergroß und wiegt bis zu 45 Pfund, es hat Füße wie ein Truthahn und ebenso einen ähnlichen Schnabel, wenn auch etwas stärker gekrümmt. Der Schwanz ist ganz verkümmert, die hintere Körpergegend abschüssig wie die Kruppe eines Pferdes. Der Vogel kann seine Flügel zum Flug nicht verwenden, wohl aber zum Kampfe, denn er besitzt dort einen Knochen von der Größe einer Musketenkugel, mit dem er den Gegner zu schlagen pflegt.«

Im Kieler Museum wird das Skelett des Vogels in der Ende April beginnenden Ausstellung erstmals gezeigt. Karl August Möbius (1825 – 1908), der Gründer des Zoologischen Museums (siehe unizeit 39), hat es 1876 von seiner Expedition nach Mauritius und den Seychellen mitgebracht. »Während der Expedition bekam Möbius umfangreiches Knochenmaterial von Drontevögeln geschenkt«, berichtet Museumsleiter Dr. Wolfgang Dreyer. Neben Beinknochen der echten Dronte (Raphus cucullatus) von der Insel Mauritius waren Skelettreste des Einsiedlers dabei. Dem Kieler Zoologen Adolf Remane (1898 – 1976) gelang es 1923 aus diesen Skelettresten eines der ganz wenigen vollständigen Skelette des Solitärs zu rekonstruieren. Möbius hat mit seiner Expedition wesentlich zur Kenntnis der Fauna von Mauritius beigetragen. »Seine umfangreichen Sammlungen stellen bis heute wissenschaftlich wertvolles Referenzmaterial für diese Region dar«, erklärt Dr. Dirk Brandis, der Kustos des Museums. »Möbius’ Hauptaugenmerk galt der tropischen Meeresfauna, insbesondere die Korallenriffe faszinierten ihn. Drei Monate lang untersuchte Möbius ein großes Saumriff am Südostrand von Mauritius.«

Der zweite Jubilar, den das Museum mit der Ausstellung würdigt, ist Wilhelm Behn (1808 – 1878). Der Zoologe und Anatom nahm an der Weltumsegelung der Korvette Galathea (1845 – 1847) teil. Die Reise erbrachte für das Kieler Museum einen Riesenzuwachs an neu entdeckten Arten. Ausgestellt wird zum Beispiel eine der Originaltransportkisten, die Behn für die Reise anfertigen ließ. Die Griffe sind rostig, aber sonst ist die Kiste in einem guten Zustand. In den Schubladen liegen dicht an dicht Vögel und andere Tierleibe in kleinen Beuteln. Sehenswert sind auch die bisher noch nie veröffentlichten Originalzeichnungen, die während der Expedition angefertigt wurden.

Die Ausstellung »Where Biology Takes Form – Meilensteine Kieler Naturforschung« wird am 27. April, einen Tag nach Möbius’ 100. Todestag, eröffnet. (ne)

Mehr über Karl August Möbius im Internet:
www.uni-kiel.de/grosse-forscher
www.uni-kiel.de/zoologisches-museum
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