Umbruch auf dem Milchmarkt
Schleswig-Holsteins Landwirte profitieren davon, wenn die Milchquote abgeschafft wird. Was sie erwartet, erklärt der Kieler Agrarökonom Professor Uwe Latacz-Lohmann.

Uwe Latacz-Lohmann, Professor für Agrarökonomie
Uwe Latacz-Lohmann: Die Quote hat bisher die Produktionsstrukturen räumlich zementiert. Ein Austausch der Milchquoten zwischen Landwirten, die die Milchproduktion aufgeben, und anderen, die mehr produzieren wollen, war bisher nur innerhalb eng umgrenzter Regionen möglich. Das wird sich ändern. Ein großer Schritt ist bereits getan. Seit Juli 2007 darf die Milchquote innerhalb zweier großer Handelsgebiete, den alten und neuen Bundesländern, gehandelt werden. Bei den letzten beiden Handelsterminen an der Milchbörse hat sich schon gezeigt, wohin der Weg geht: Große Quotenmengen sind in die norddeutsche Tiefebene und in das Alpenvorland gewandert – die beiden Milchproduktionszentren Deutschlands.
Wenn es die Quote dann im nächsten Schritt gar nicht mehr gibt, wird die Milchproduktion ungehemmt dorthin wandern können, wo man sie am kostengünstigsten produzieren kann. Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern werden zu den Gewinnern zählen. Die Produzenten im Norden können mit vergleichsweise niedrigen Produktionskosten punkten. Milchbauern im süddeutschen Raum können zwar nicht so kostengünstig produzieren, dafür gibt es dort eine sehr schlagkräftige Molkereiwirtschaft.
Wie bereiten sich Landwirte auf das Ende der Quote vor?
Die Perspektiven für Wachstum und Betriebsentwicklung sind günstig, denn die Milchpreise sind im letzten Jahr kräftig angestiegen. Wer jedoch vor Abschaffung der Quote in die Ausweitung der Milchproduktion investiert, muss Quote erwerben, und die kostet im Moment noch Geld. Wenn die Quote dann einmal gefallen ist, fällt dieser Kostenfaktor weg. Viele Landwirte warten schon darauf, dann endlich richtig durchstarten zu können.
Die Milchpreise sind im vergangen Jahr stark gestiegen. Erwarten Sie, dass sie auf dem jetzigen Niveau bleiben?
Das lässt sich schwer vorhersagen. Nachdem die Preise Ende 2007 einen historischen Höchststand erreicht hatten, hat es in den letzten Wochen schon eine deutliche Korrektur nach unten gegeben. Die meisten Marktexperten gehen davon aus, dass der Milchpreis nicht mehr auf das niedrige Niveau der Vergangenheit zurückfallen wird.
Der Preisanstieg im vergangenen Jahr wird auf mehrere Faktoren zurückgeführt. Auf der einen Seite wächst die Milchnachfrage aus Asien. Gleichzeitig gab es Produktionsausfälle durch die Dürre in Australien. Hinzu kommt, dass die weltweiten Lagerbestände an Magermilchpulver und Butter weitgehend aufgebraucht sind, kurzfristige Produktionsrückgänge lassen sich darum nicht mehr so leicht ausgleichen.
Unkalkulierbar ist derzeit, wie sich Nachfrage und Produktion in Asien entwickeln werden. Es ist vorstellbar, dass aufgrund des Preisanstiegs Milchprodukte weniger nachgefragt werden. Wenn etwa die chinesischen Bauern ihre Produktion weiterhin so kräftig ausdehnen wie in den letzten Jahren, kann China schnell von einem Nettoimporteur zum Exporteur für Milchprodukte werden. Dann können die Preise ganz schnell wieder in den Keller gehen.
Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie wird im Jahr 2020 Milch produziert? Werden wir noch Kühe sehen, die auf der Weide grasen? Oder spielt sich in Zukunft alles im Stall ab?
Es wird, wie heute, unterschiedliche Produktionssysteme geben. Viele Betriebe werden sich auf ein System mit ganzjähriger Stallhaltung spezialisieren, andere werden Weidehaltung betreiben. Das hängt unter anderem vom Standort ab. An der Westküste, wo natürliches Grünland vorherrscht, werden viele Betriebe ihre Kühe weiterhin auf der Weide halten, insbesondere wenn es durch geschicktes Marketing gelingt, für "Weidemilch" einen Preisaufschlag durchzusetzen.
Es wird in Zukunft insgesamt weniger Betriebe geben, die dafür aber größer sind. Der Strukturwandel wird sich also fortsetzen und wahrscheinlich sogar beschleunigen. Aber es wird nicht nur "Großbetriebe" geben, sondern auch zahlreiche Nebenerwerbsbetriebe, die ihr Einkommen aus der Landwirtschaft mit einem außerlandwirtschaftlichen Einkommen kombinieren. (ne)
Stichwort Milchquote
Die EU hat 1984 die Milchquote als Produktionsobergrenze für Milch eingeführt, um die gewaltige Überproduktion zu bremsen. Für jedes europäische Land wurde festgelegt, wie viel Milch es produzieren durfte. Das nationale Kontingent in Deutschland wurde auf die einzelnen Betriebe verteilt. Jeder Landwirt darf nur so viel Milch an seine Molkerei liefern, wie er Quote besitzt, bei Überproduktion wird Strafe fällig. Seit 1993 ist es möglich, Milchquoten innerhalb regionaler Grenzen zu verkaufen. Dieser Handel mit Milchquoten ist seit April 2000 nur über die Milchquotenbörsen an drei Terminen jährlich möglich. Deutschland ist mit einer Produktionsmenge von 28 Millionen Tonnen vor Frankreich das bedeutendste Erzeugerland für Milch in Europa.
Die europäische Milchmarktpolitik wird derzeit neu ausgerichtet. Ziel ist eine Liberalisierung des Marktes. Im Rahmen der Reformen ist geplant, im Jahr 2015 das Quotensystem zu beenden. Danach darf dann jeder Landwirt so viel Milch produzieren, wie er will.
Die europäische Milchmarktpolitik wird derzeit neu ausgerichtet. Ziel ist eine Liberalisierung des Marktes. Im Rahmen der Reformen ist geplant, im Jahr 2015 das Quotensystem zu beenden. Danach darf dann jeder Landwirt so viel Milch produzieren, wie er will.
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität,
presse@uv.uni-kiel.de





