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unizeit Nr. 47 vom 12.04.2008, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Die Knochenleserin

Eine griechische Archäologin analysiert die Abfälle einer Jäger- und Sammlersiedlung in Ostholstein. Sie ist eine der Stipendiaten der neuen Graduiertenschule.


Katherina Glykou (r.) und die dänische Spezia­listin für jungsteinzeitliche Keramik, Dr. Anne Birgitte Gebauer, sortieren Keramikscherben aus der Zeit von 4600 bis 3900 vor Christus.

13.000 Tierknochen, 7.000 Keramikscherben sowie Geweih- und Knochenartefakte sind die Fundstücke, mit denen sich Katerina Glykou im Rahmen ihrer Promotion beschäftigt. Sie stammen aus einer Unterwasserfundstelle bei Neustadt/Ost­holstein. Taucher der Marine haben den Fundplatz des späten Mesolithikums (Mittelsteinzeit) entdeckt. Ein Team vom Archäologischen Landesmuseum in Schleswig unter Leitung von Sönke Hartz hat die etwa 6.000 Jahre alten Fundstücke zwischen 2000 und 2006 ausgegraben und nach Schleswig gebracht. »Da das Material unter Wasser lag, sind die Funde hervorragend erhalten«, freut sich die Doktorandin am Institut für Ur- und Frühgeschichte (Betreuer: Professor Johannes Müller). »Das war die Müllkippe einer Siedlung. Für uns Archäologen sind die Abfälle interessant. Wir können daraus Rückschlüsse auf die Lebensweise der Menschen ziehen.« Ziel ihrer Arbeit ist einerseits, die ökonomischen Verhältnisse (Jagdmethoden, Ernährungsgewohnheiten, Haustier­züchtung, Rohmaterialgewinnung) aufzuklären. Andererseits soll sie auch dazu beitragen, die damalige Landschaft, die natürlichen Ressourcen und das Paläoklima zu rekonstruieren.

Katerina Glykou gehört zu den Glücklichen, die für ihr Forschungsprojekt ein Stipendium der jetzt offiziell eröffneten Graduiertenschule »Entwicklung menschlicher Gesellschaften in Landschaften« erhalten hat. Die griechische Archäologin arbeitet in Kiel und Schleswig. Vor zwei Jahren hat sie angefangen, das Material zu bestimmen. Das heißt, sie ordnet die Tierknochen den verschiedenen Tierarten zu, lässt Stichproben datieren, sortiert die Keramikscherben oder setzt sie zusammen. Und sie hat auch schon erste Ergebnisse. »Ein kleiner Anteil der Tierknochen stammt von Haustieren. Das heißt, dass die Abfälle aus der Phase des Übergangs von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise, der Neolithisierung, stammen.« Mit Neolithisierung ist der Übergang zur Jungsteinzeit (Neolithikum) gemeint. In dieser Phase kam es zum Wandel der Jäger- und Sammlerkulturen zu bäuerlichen Lebensformen mit Ackerbau und Viehzucht.

Die Gefäßscherben scheinen die zeitgeschichtliche Einordnung zu bestätigen, da sowohl Keramik aus dem späten Mesolithikum als auch aus dem frühen Neolithikum unter den Fundstücken sind. Vieles spricht dafür, dass dieser Fundplatz der so genannten Erteböllekultur zugeordnet werden kann. Hierunter fasst man Menschen, die am Ende der Mittelsteinzeit ganzjährig Meeresküsten von Nord- und Ostsee bewohnten. Der Name ist von dem Fundplatz Ertebølle in Dänemark abgeleitet. In Norddeutschland gab es bisher nur wenige ausgegrabene Zeugnisse der Erteböllekultur, an denen man die Übergangsphase untersuchen konnte.

T-förmige Axt aus Rothirschgeweih mit teilweise erhaltenem Holzschaft. Das Stück stammt aus Rosenhof im Ostholstein und ist typisch für die Zeit der Erteböllekultur (5500-4100 vor Christus) im Norden. Sie diente als Werkzeug und als Jagdwaffe. Foto: Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen

Der Vergleich mit Material von anderen Fundplätzen dieser Kultur soll Gewissheit bringen. »Dazu gibt mir die Graduiertenschule die Möglichkeit«, so Glykou. »Ich werde nach Dänemark fahren und an der Universität Århus das Material aus Vergleichs­fundplätzen detailliert untersuchen.« Durch genaue Materialanalyse der Keramikscherben möchte sie zum Beispiel herausfinden, ob auch importierte Keramik dabei war. »Die Frage ist, ob Jäger und Sammler ihre Lebensweise änderten oder ob neue Leute einwanderten, die ihre produzierende Lebensweise mit Haustierhaltung und Getreideanbau mitbrachten. Das ist noch nicht klar.« Technologische Merkmale weisen allerdings darauf hin, dass die Keramik aus den beiden aufeinanderfolgenden Zeit­phasen von den gleichen Leuten hergestellt wurde.

Falls auch der gleiche Ton benutzt wurde, spräche das für ein traditionelles Fortleben der Keramikherstellung und für einen Wandel der Lebensweise von Jägern und Sammlern zu Bauern.

»Um wirklich sichere Ergebnisse zu bekommen, muss ich eine Frage von verschiedenen Seiten beantworten«, so Glykou. »Und das bietet die Graduiertenschule.« So werden zum Beispiel in Kooperation mit den englischen Universitäten Bradford und York verkohlte Speisereste, die sich auf den Keramikscherben befanden, chemisch analysiert. Daran lässt sich erkennen, was unsere Vorfahren gegessen haben, aber auch, was sie nicht gegessen haben. Durch DNA-Analysen von Schweine­knochen, die ein weiterer Stipendiat der Graduiertenschule vornimmt, lässt sich ablesen, wann das Schwein zum Haustier wurde.

Besonders spezialisiert hat sich Katerina Glykou auf die Analyse von Tierknochen, die Archäozoologie. Die große Vergleichssammlung von Tierknochen in Schloss Gottorf war einer der Gründe, warum es die Griechin zur Forschung nach Norddeutschland zog. Von den Tierknochen liest sie nicht nur die Tierart und das Alter des Tieres zum Zeitpunkt seines Todes ab, sondern auch wie und warum es gejagt wurde. Anhand der Schnittspuren auf den Knochen kann sie erkennen, ob dem Tier nur das Fleisch abgezogen wurde oder auch das Fell. Einschussspuren auf den Knochen erlauben ihr Rückschlüsse auf die Jagdmethode. Und alles zusammen bietet wiederum Einblick in die Entwicklungsstufe der Menschen. »Es ist interessant zu betrachten, ob es unterschiedliche Jagdmethoden für unterschiedliche Tierarten gab. Das hieße, dass sie nicht willkürlich alles erlegten, sondern gezielt vorgingen und zum Beispiel wussten, wie man einen riesigen Auerochsen jagen muss.«

Kerstin Nees
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