Lebenslänglich HIV
Dank medizinischer Fortschritte können HIV-Infizierte lange leben. Vorausgesetzt, sie schlucken täglich ihre Pillen. Weniger erfreulich: Die Zahl der Neuinfektionen nimmt nicht ab.
1987 startete die Kampagne »Gib AIDS keine Chance« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Seit 20 Jahren wissen wir über die Gefahren einer HIV-Infektion und wie wir uns davor schützen können. Die großen "mach's mit"-Plakate, die mit einem Augenzwinkern für Kondome werben, begleiten uns auf Schritt und Tritt. Trotzdem geht die Infektionsrate nicht zurück. Im Gegenteil: Seit 2001 registrieren Fachleute einen Anstieg der Neudiagnosen in Deutschland. Im vergangenen Jahr wurden beim Robert-Koch-Institut in Berlin 3.000 neue HIV-Infektionen gemeldet, so viele wie lange nicht mehr. Ein Grund für die Nachlässigkeit bei der Vorsorge scheinen die medizinischen Erfolge zu sein. Neue Medikamente haben die Lebenserwartung und Lebensqualität von Menschen mit HIV und Aids erheblich verbessert. Zumindest in Deutschland und anderen westlichen Industrienationen ist eine HIV-Infektion nicht mehr akut lebensbedrohlich.
»Man kann heutzutage bei nahezu jedem Patienten das Virus optimal unterdrücken, so dass es im Blut gar nicht nachweisbar ist. Im Körper ist es aber noch vorhanden«, sagt Professor Heinz-August Horst von der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik des Universitätskrankenhauses Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Die große Wende für HIV-positive Menschen brachte das Jahr 1996. »In diesem Jahr kam eine neue Klasse von Medikamenten auf den Markt, die auch intensiv vorbehandelten Patienten eine wirksame Therapie bot. Vor 1996 haben wir uns im Wesentlichen mit den Komplikationen der HIV-Infektion, nämlich den schweren lebensbedrohlichen Infektionen und Tumorerkrankungen, beschäftigen müssen. Seit 1996 stehen Therapieeffektivität und Nebenwirkungen im Vordergrund. Wir haben aber viel weniger mit kranken Patienten zu tun.«
Seit 14 Jahren arbeitet der Internist in der HIV-Ambulanz im Städtischen Krankenhaus. Hier werden zurzeit rund 280 HIV-Infizierte regelmäßig betreut. Die Patienten kommen dorthin, um zu prüfen, ob eine Medikamententherapie schon notwendig ist, wie sie die Mittel vertragen oder ob die Infektion Folgeerkrankungen nach sich gezogen hat. Grundsätzlich haben Infizierte heute eine gute Chance, genauso alt zu werden, wie Menschen ohne HIV. Die HIV-Infektion hat sich gewandelt: Von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung, einer chronischen Erkrankung, die trotz aller Fortschritte mit erheblichen Einschränkungen im Alltag verbunden ist. HIV-Infizierte müssen immer auf der Hut sein, um andere nicht anzustecken. Sie müssen Vorurteile ertragen und Nachteile zum Beispiel im Job hinnehmen. Und sie müssen täglich Pillen schlucken, ein Leben lang. Horst: »Für einen Patienten, der seine Medikamente regelmäßig nimmt, ist die Therapie wie eine Lebensversicherung. Wenn er sie unterbricht, geht der Therapieerfolg jedoch innerhalb von wenigen Monaten komplett verloren.«
Ein Problem sind die Resistenzen. Patienten, die ihre Tabletten nicht regelmäßig einnehmen, züchten sich quasi resistente Viren. Das heißt, die Viren sind unempfindlich gegen das entsprechende Medikament geworden. Die Therapie muss daher umgestellt werden. Aber auch bei konsequenter Einnahme der Tabletten kann die Wirkung nachlassen. Daher müssen die Patienten regelmäßig kontrollieren lassen, ob die Therapie noch wirkt. Diese Resistenzbestimmung erfolgt am Institut für Infektionsmedizin. Ein anderes Problem sind Nebenwirkungen. Die Anti-HIV-Therapie greift in den Stoffwechsel der Patienten ein. Langfristig entwickelt ein Drittel das so genannte Lipodystrophiesyndrom. Dieses äußert sich darin, dass das Fettgewebe an Armen, Beinen und im Gesicht abnimmt, während es sich an Bauch und Nacken ansammelt. Verbunden damit sind Fettstoffwechselstörungen, die zu Ablagerungen in den Blutgefäßen führen können. Ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall sind die Folge.
Aber immerhin ist die Therapie auch komfortabler geworden. Während Patienten früher bis zu 30 Tabletten oder Kapseln am Tag einnehmen mussten, reichen heute oft drei Tabletten täglich. Seit Januar gibt es ein Kombinationspräparat, das sogar nur einmal am Tag genommen werden muss.
Noch ist die Behandlung nicht an ihre Grenzen gestoßen. Auch ältere HIV-Infizierte, die zum Teil schon lange Anti-HIV-Medikamente einnehmen, können noch wirkungsvoll behandelt werden. »Bei über 50-Jährigen erholt sich das Immunsystem zwar langsamer, aber die Chance, dass es sich erholt, ist mit den modernen Medikamenten fast genauso hoch wie bei jüngeren Patienten. Unsere Daten zeigen, dass unabhängig vom Alter etwas mehr als 80 Prozent der Patienten mit der Therapie das Virus unter die Nachweisgrenze bekommen«, so Professor Horst. Unter den Patienten, die der Kieler HIV-Experte behandelt, gibt es einige, die sich bereits vor über 20 Jahren mit dem HI-Virus infiziert haben. (ne)
Ein HIV-Test ist sinnvoll ...
... wenn Sie ungeschützten Sex mit einem Partner hatten, der mit HIV infiziert ist oder sein könnte
... zum Schutz Ihres Partners, wenn Sie Sex ohne Kondom wünschen, ein früheres Infektionsrisiko aber nicht ausschließen können
... vor einer geplanten Schwangerschaft. Eine HIV-positive Schwangere kann den Erreger auf das Kind übertragen. Durch medizinische Maßnahmen kann das Infektionsrisiko für das Kind auf nahezu Null reduziert werden
... bei Krankheitssymptomen wie anhaltendem Fieber, andauerndem massiven Durchfällen, lang anhaltendem Nachtschweiß, Hauttumoren oder dauernden Schwellungen der Lymphknoten
Ein HIV-Test ist übrigens erst drei Monate nach einer möglichen Ansteckung wirklich aussagekräftig. In der Zwischenzeit ist "Safer Sex" angesagt.
... zum Schutz Ihres Partners, wenn Sie Sex ohne Kondom wünschen, ein früheres Infektionsrisiko aber nicht ausschließen können
... vor einer geplanten Schwangerschaft. Eine HIV-positive Schwangere kann den Erreger auf das Kind übertragen. Durch medizinische Maßnahmen kann das Infektionsrisiko für das Kind auf nahezu Null reduziert werden
... bei Krankheitssymptomen wie anhaltendem Fieber, andauerndem massiven Durchfällen, lang anhaltendem Nachtschweiß, Hauttumoren oder dauernden Schwellungen der Lymphknoten
Ein HIV-Test ist übrigens erst drei Monate nach einer möglichen Ansteckung wirklich aussagekräftig. In der Zwischenzeit ist "Safer Sex" angesagt.
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