CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 48Seite 3
Nr. 48, 31.05.2008  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Richtig ticken

Armbanduhr, Bahnhofsuhr, Wecker: Uhren sind allgegenwärtig und bestimmen den Tagesablauf. Unbemerkt vom Fortschreiten der Zeiger auf dem Ziffernblatt gibt die innere Uhr jedoch jedem von uns ihren eigenen Rhythmus vor.


Wer gegen die innere Uhr lebt, muss mit Leistungseinbußen rechnen. Foto: Picture Alliance

»Der individuelle Tag ist nicht nur bestimmt von Gewohnheiten, wie viele Menschen denken, sondern genetisch vorgegeben«, so Manuela Dittmar, Professorin an der Uni Kiel. Sie beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Phänomen der Chronobiologie und untersucht dazu unter anderem, wie sich der Hormonhaushalt jedes Einzelnen im Laufe von 24 Stunden verändert.

Dass es so etwas wie eine innere Uhr gibt, ist seit den sechziger Jahren bewiesen. »Damals hat der deutsche Mediziner Jürgen Aschoff weltweit Aufsehen erregt mit seinem so genannten "Bunker­experiment"«, sagt Dittmar. In völliger Isolation und abgeschottet von Tageslicht und jeglichen Uhren verbrachten Freiwillige mehrere Wochen in einem Bunker. Aschoff bewies, dass sich völlig ohne äußere Anhaltspunkte bei den Personen ein eigener Tagesrhythmus einstellte. »Damit war der Grundstein der Chronobiologie gelegt.« Die Gene, die für die Einteilung des Tages verantwortlich sind, sind also unveränderbar in unserer Erbinformation verankert und individuell ausgeprägt. Das innere "Uhrwerk" ist ein reiskorngroßes Zentrum im Gehirn, der "Nucleus suprachiasmaticus" (SCN). Von den Augen bekommt er Informationen über Lichtverhältnisse und synchronisiert diese mit dem eigenen biologischen Rhythmus. Weitere äußere Zeitgeber sind soziale Kontakte. Der SCN beeinflusst die Ausschüttung des Hormons Melatonin zum Einschlafen in den Abendstunden und zum Aufwachen in den Morgenstunden.

Wie bei jeder genetischen Veranlagung gibt es auch bei den Uhrengenen verschiedene Ausprägungen. »Gesellschaftlich ist das bei uns oft ein Problem. Menschen, die regelmäßig erst um neun oder zehn Uhr aufstehen, gelten teilweise immer noch als faul«, weiß Dittmar. In ihrer nächsten Studie untersucht sie, wie sich der biologische Rhythmus bei älteren Menschen entwickelt. »Dafür suchen wir auch noch Versuchspersonen über 60 Jahre, die bereit sind, einen Tag bei uns in der Uni zu verbringen. Stündlich nehmen wir dann eine Speichelprobe und bestimmen zum Beispiel den Melatoninwert«, sagt Dittmar.

Ähnlich anderen Eigenschaften wie Haarfarbe oder Muskelmasse verändert sich nämlich auch die biologische Uhr im Laufe eines Menschenlebens. Hierbei spielen neben den Genen auch andere Faktoren, zum Beispiel eine veränderte Lebensführung im Ruhestand oder körperliche Umbauprozesse in der Pubertät, eine Rolle. »Jugendliche sind meist Abendmenschen. Der frühe Schulbeginn ist deshalb für viele eine deutliche Leistungsbremse. Dies ist zwar bekannt, aber die Forderung der Chronobiologen, die erste Schulstunde statt um acht um neun Uhr beginnen zu lassen, konnte sich bisher in Deutschland kaum durchsetzen«, so Dittmar. »Ab 20 Jahren bis ins hohe Lebensalter wird man dann mehr und mehr zum Morgenmenschen. Viele ältere Menschen stehen zu Uhrzeiten auf, zu denen sie im jungen Erwachsenenalter noch nicht einmal den Wecker gestellt hätten. Gleitzeit ist deshalb eine sinnvolle Maßnahme für den Arbeitsplatz.«

Obwohl Abendmenschen im Berufsalltag eher benachteiligt sind, bringt ihre Veranlagung auch Vorteile mit sich: In der Regel können sie verpassten Schlaf nachholen. Nach einer durchfeierten Nacht etwa schlafen sie am nächsten Morgen einfach länger. Einem Morgenmenschen ist das nicht möglich – seine biologische Uhr weckt ihn so früh wie sonst auch. (jz)
Licht hilft
Müssen Abendmenschen aufgrund ihrer Arbeitszeit früh aufstehen, ist ihre Konzentrations­fähigkeit beeinträchtigt und sie arbeiten weniger effektiv als Morgenmenschen. Helfen kann, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, um sich Lichtreizen auszusetzen und so durch äußerliche Impulse den Melatoninspiegel zu beeinflussen.
Andersherum sind Menschen, die häufig nachts arbeiten, einer extremen Belastung ausgesetzt. Abhilfe schaffen kann auch hier Licht – in Form von Tageslichtlampen: Wir beleuchten unsere Räume nachts mit etwa 500 lux. Tageslicht hat etwa 10.000 lux – der Körper braucht also ein Vielfaches des Raumlichtes, um sich wie tagsüber zu verhalten. (jz)
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de