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Nr. 48, 31.05.2008  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Der Reiz des Gewöhnlichen

Postkarten als historische Quellen entdeckte der Kieler Geschichtswissen­schaftler Rudolf Jaworski.


Zwei Postkarten, zwei Beispiele des aufkeimenden Nationalismus.

Oben: Typisch deutsch: Diese germanische Heldenfigur bläst bei einem Sonnwendfeuer an der Elbe ins Horn.
Unten: Lob des Slawentums: »Hej Slawen, noch lebt unsere slawische Sprache«, heißt es unter der slawischen Figur, die auf einen deutschen Adler tritt.

Innerhalb mehrerer Jahrzehnte hat Jaworski etwa 8.000 Postkarten zusammengetragen. Doch als Sammler im eigentlichen Sinn betrachtet er sich trotzdem nicht. »Ich bin Historiker, mir geht es um Häufigkeitsmotive«, beschreibt er. Während Sammler von Liebhaberei geprägt und unentwegt auf Pirsch nach seltenen Exemplaren sind, gibt sich der Wissenschaftler dem Reiz des Gewöhnlichen hin.

»Eine neue Quellengruppe aufzutun« war und ist das erklärte Ziel des Professors für osteuropäische Geschichte an der CAU. Und das funktioniert nur, wenn das betreffende Material zur jeweiligen Zeit so verbreitet war, dass es allgemeine Aussagen über die dahinterstehenden Gedanken zulässt.

Erstmals hat Jaworski dieses Verfahren nun in einer eigenen Ausstellung veranschaulicht. Unter dem Motto "Jeder zu den Seinen" dokumentierte er im Prager Post­museum deutsche und tschechische Identitäts­konstruktionen auf Bildpostkarten aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert. Damit weckte er beim Publikum wie in der Presse unerwartet große Resonanz und durfte sich in seinem Ansatz bestätigt fühlen: »Das Auge lernt mit.«

Im Alltag der Lehre konfrontiert Jaworski seine Studie­renden immer wieder mit Karikaturen, Plakaten, Filmen oder auch Postkarten, weil er sich an den Grundsatz hält, dass Wissensvermittlung durch Bilder oftmals besser funktioniert als mit bloßen Texten.

So war das auch bei der Ausstellung, die von Februar bis März in Prag zu sehen war: Deutsche und Tschechen, die in dieser Stadt seit Jahrhunderten friedlich zusammen­lebten, konnten und wollten sich zur vorletzten Jahrhundert­wende dem grassierenden Nationalismus mehrheitlich nicht entziehen und schufen eigene Identitäten, die auf den damals überaus beliebten Postkarten geradezu exem­plarisch veranschaulicht wurden. Hier die germanische Eiche, dort die slawische Linde, hier der deutsche Dreifarb, dort die tschechoslowakische Trikolore.

Noch interessanter ist, in welche Zusammenhänge diese unterscheidenden Elemente gerückt wurden. Da gibt es zum Beispiel den deutschen Rübezahl, der kleine Wichte verjagt, die sich – bei näherem Hinsehen und entsprechendem Vorwissen – unschwer als karikierte Tschechen identifizieren lassen. Oder es wird auf einer anderen Karte ein kleines Kind gezeigt, das Kaiser Franz Joseph I. huldigt – und gleichzeitig dabei ist, das Haupt seiner Büste mit einem slawischen Lindenkranz zu schmücken.

Nationale Vereine und geschäftstüchtige Verleger fanden mit derartigen Motiven großen Absatz und hinterließen damit zugleich Material, das für Historiker in höchstem Maße aufschlussreich ist. Denn schließlich war laut Jaworski die Postkarte um 1900 überaus populär und zudem »das modernste Massenkommunikationsmittel der damaligen Zeit.« (mag)

Zum Weiterlesen: Rudolf Jaworski: Deutsche und tschechische Ansichten. Kollektive Identifikationsangebote auf Bildpostkarten in der späten Habsburgermonarchie, Studienverlag, Innsbruck 2006
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