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Nr. 48, 31.05.2008  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Verrückt nach Cannabis

In psychiatrischen Kliniken werden zunehmend Patienten behandelt, die Cannabis konsumieren und psychotische Symptome zeigen. Kieler Psycho­logen haben diese Gruppe genauer untersucht.


Den Cannabisrausch erlebt jeder anders. Für die körperliche und seelische Gesundheit ist er in jedem Fall schädlich. Grafik: pur.pur

Cannabis kann als direkte Folge des Drogenkonsums vorübergehende psychotische Episoden mit Wahnvorstellungen oder Halluzinationen auslösen, und Cannabis kann das Risiko erhöhen, an einer Schizophrenie zu erkranken. »Man geht davon aus, dass es Personen gibt, die anfällig sind, an Schizophrenie zu erkranken und dass Cannabis die latente (verborgene) Psychose zum Vorschein bringen kann«, erklärt Dr. Christian Wiesner vom Institut für Psychologie. Wenn ein Patient mit einer Psychose in die Klinik kommt, lässt sich aber nicht voraussagen, wie er sich entwickeln wird. Ist es ein Schizophreniekranker mit Drogenproblem oder ein Kiffer mit vorübergehender Psychose?

Dieser Frage hat sich Wiesner zusammen mit der suchtpsychiatrischen Abteilung des Psychiatrischen Krankenhauses in Rickling bei Bad Segeberg in einer Studie angenommen. Mit speziellen neuropsychologischen Testmethoden suchen die Wissenschaftler typische Merkmale von Schizophreniepatienten ohne Drogenkonsum und Cannabiskonsumenten ohne Psychosen, um darauf aufbauend den Verlauf von Suchterkrankungen mit psychotischen Symptomen besser vorhersagen zu können. Diese zum Teil neu entwickelten Tests messen verschiedene Leistungen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Entscheidungsverhalten und erfassen, wie Belohnung und Bestrafung wirken. Insgesamt 81 Patienten der Psychiatrischen Klinik nahmen bisher an der Studie teil.

»Unsere ersten Ergebnisse belegen systematische Unterschiede zwischen Schizophrenen und Cannabisabhängigen«, resümiert Wiesner. Ein neuer und für das Verständnis von Suchtkrankheiten aufschlussreicher Befund ist, dass Cannabisabhängige besser aus Belohnung als aus Bestrafung lernen. Bei Schizophreniekranken zeigte sich genau das Gegenteil. »Wir nehmen an, dass diese Ergebnisse auf krankheitsspezifische Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns hinweisen«, erläutert Wiesner.

Cannabis steht als Auslöser der Schizophrenie ganz vorn, nämlich bei 70 bis 80 Prozent der männlichen Ersterkrankten, sagt Jean Hermanns, der bereits seit über 25 Jahren in Rickling in der Suchttherapie arbeitet. Ob sie auch ohne Drogenkonsum erkrankt wären, lässt sich im Einzelfall nicht sagen. Aber klar ist, ergänzt Wiesner: »Wer mit 15 anfängt zu kiffen, vervierfacht sein Risiko für Schizophrenie, 18-jährige Erstkonsumenten verdoppeln es, wie Studien ergeben haben.« Und mitunter reicht ein einziger Joint. Hermanns schildert den Fall eines 17-jährigen Patienten, der das erste Mal in seinem Leben gekifft hatte. »Zunächst erlebte der junge Mann einen normalen, mit angenehmen Gefühlen verbundenen Cannabisrausch, keine Besonderheiten, keine Ängste oder dergleichen. Tage später entwickelte er Wahnvorstellungen: Er war überzeugt davon, dass alle Satellitenschüsseln ihn bestrahlten, dass seine Kleidung die Strahlung an andere abgebe und dass diese Strahlung ganz gefährlich sei. Das hat er überall herumerzählt. Als seine Eltern ihn davon abhalten wollten, wurde er aggressiv. Mit diesem akuten Wahn kam er ins Krankenhaus. Es hat etwa sechs Wochen gedauert, bis er die Psychose wieder loswurde und einsah, dass er krank gewesen war.« (ne)
Psychose und Schizophrenie
Der Begriff Psychose bezeichnet eine Gruppe schwerer psychischer Störungen, die mit einem zeitweiligen weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs einhergehen. Es gibt vielfältige Formen und Ursachen psychotischer Symptome. Eine Ursache ist die Schizophrenie. Diese psychiatrische Erkrankung verändert das Denken, Wahrnehmen und Verhalten der Betroffenen. Schizophreniekranke sind zeitweise nicht in der Lage, zwischen der Wirklichkeit und den eigenen Vorstellungen zu unterscheiden. Das heißt, sie erleben und bewerten Dinge anders, als sie objektiv sind.

Aber sie haben keine gespaltene Persönlichkeit à la Dr. Jekyll und Mr. Hyde, wie fälsch­licherweise oft angenommen wird. Die wesentlichen Symptome der Schizophrenie sind Wahn­vorstellungen wie Verfolgungswahn, religiöser Wahn oder Größenwahn und Halluzinationen. Das heißt, man hört Stimmen, sieht Dinge oder spürt Berührungen, die nicht vorhanden sind. Daneben leiden Schizophreniekranke auch an so genannten Negativsymptomen, die sich in Antriebs- und Kommunikationsarmut und Schwierigkeiten beim Denken äußern. Negativ­symptome schließen sich häufig an eine akute psychotische Phase an. (ne)
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