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unizeit Nr. 48 vom 31.05.2008, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Gefährlicher Suchtstoff

Der Konsum von Cannabisprodukten wie Haschisch und Marihuana ist alles andere als harmlos. Über die Gefahren informiert Jean Hermanns, der die sucht­psychiatrische Abteilung im Psychiatrischen Krankenhaus Rickling leitet.


In der Wasserpfeife (Mitte) reichert sich der Rauschwirkstoff sehr viel stärker an als im Joint. Foto: Jonas Volger

unizeit: Cannabis galt lange als ›weiche‹ Droge. Warum sieht man das heute anders?

Jean Hermanns: Dass man die Gefahren von Cannabis heute anders einschätzt, hängt mit den veränderten Konsumformen und höheren Wirkstoffgehalten zusammen. Der heutige Konsum ist mit dem häufig romantisierten Joint, der vor 20 Jahren herumgereicht wurde, nicht zu vergleichen. Cannabis wird häufig mit den so genannten Bongs, speziellen Wasserpfeifen, geraucht. Dadurch kommt es zu einer sehr viel höherem Konzentration des Rauschwirkstoffs THC.

Sie behandeln Patienten, die infolge Cannabis- missbrauchs krank geworden sind. Mit welchen Folgen müssen Kiffer rechnen?
Cannabis kann, wie andere Drogen auch, eine richtige Abhängigkeitserkrankung verursachen. Ein wichtiges Kriterium der Abhängigkeit ist die Toleranz­entwicklung. Das heißt, die Konsumenten gewöhnen sich an die Droge und benötigen immer mehr, um den gleichen Effekt zu erhalten. Außerdem entwickeln sie Entzugssymptome wie Schlafstörungen, Nervosität, Unruhe oder Übelkeit. Viele schaffen es deswegen nicht, dauerhaft auf die Droge zu verzichten.

Warum ist die Cannabisabhängigkeit problematisch, auch Zigarettenraucher sind abhängig? Die sozialen Folgen der Abhängigkeit sind bei Cannabiskonsumenten sehr viel größer als bei Zigarettenrauchern. Der exzessive Konsum führt dazu, dass die Nutzer in vielen Lebensbereichen nicht mehr leistungsfähig sind. Das ist eine Störung mit Krankheitswert. Cannabis reduziert die Speicherfähigkeit des Gehirns, das Gedächtnis leidet, das Lernen ist stark eingeschränkt. Wer bekifft im Unterricht sitzt, ist weniger aufmerksam, nimmt weniger wahr und kann das Aufgenommene nicht speichern. Viele unserer Patienten kommen, weil sie einen Schulabschluss oder eine Lehre machen wollen. Sie wissen, so lange sie kiffen, brauchen sie damit gar nicht erst anzufangen.
Typisch für Cannabisabhängige ist auch die Gleichgültigkeit gegenüber Freund oder Freundin, Eltern und Ausbildung. Der Spruch: »Haschisch macht gleichgültig, aber das ist mir egal« bringt das auf den Punkt. Wer Cannabis über Jahre konsumiert, hat außerdem ein Lern- und Reifungsdefizit. Ich hatte einen 28-jährigen Patienten, der sich verliebte, nachdem er clean war. Als er mir davon erzählte, hatte ich das Gefühl, ein 14-Jähriger steht vor mir.

Arbeitet seit über 25 Jahren in der Suchttherapie: Jean Hermanns. Foto: privat

Wo sehen Sie die größten Gefahren des Cannabis­konsums?
Die größte Gefahr ist sicher die Psychose-Auslösung. Die schizophrene Psychose ist eine der schlimmsten psychiatrischen Erkrankungen, die wir haben. Durch den Cannabiskonsum wird die Schizophrenie früher ausgelöst als ohne die Droge, und die Erkrankung hat eine schlechtere Prognose. Daneben können Ängste und Depressionen verstärkt werden oder erst zum Ausbruch kommen. Amerikanische Studien haben ergeben, dass etwa jeder zehnte Cannabiskonsument psychische Probleme infolge des Kiffens hat.

Ist bereits der einmalige Konsum gefährlich?
Das hängt von der Störung ab. Um eine Schizophrenie auszulösen, kann bei entsprechender Disposition (Neigung) für diese Krankheit ein einziger Joint ausreichen. Cannabis-Psychosen treten vor allem bei sehr starkem, exzessivem Konsum auf. Bei der Depression ist es unterschiedlich. Es gibt welche, die das erste Mal kiffen und dann depressiv werden, andere entwickeln erst später im Lauf ihrer Kifferkarriere depressive Symptome. (ne)
Stichwort: Cannabis
Cannabis ist der lateinische Name der Hanfpflanze und gleichzeitig der Sammelbegriff für die aus Hanf hergestellten Rauschmittel, insbesondere Marihuana und Haschisch. Die berauschende Wirkung beruht vor allem auf dem Tetrahydrocannabinol (THC). Haschisch (Dope, Pot oder Shit) ist gepresstes Cannabisharz. Marihuana (Gras) bezeichnet die getrockneten weiblichen Blütenstände der Hanfpflanze mitsamt ihrem anhaftenden Harz, die sich im Unterschied zu Haschisch leichter pur, also ohne Tabak, rauchen lassen. Cannabis hat nicht nur als Rauschmittel Tradition, sondern auch als Heilmittel. Cannabispräparate lindern Übelkeit und Brechreiz, etwa nach einer Chemotherapie oder bei AIDS-Patienten, und wirken Appetit anregend. Auch bei Multipler Sklerose und Wirbelsäulen­verletzungen können sie heilsam sein. (ne)
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