Empfindliche Grenzen
Wissenschaftler verstehen immer besser, wie Entzündungskrankheiten entstehen. Professor Stefan Schreiber, der Sprecher des Exzellenzclusters »Entzündungen an Grenzflächen«, erklärt den aktuellen Stand der Forschung.

Stefan Schreiber. Foto: Institut für klinische Molekularbiologie
Früher war die Erklärung für chronische Entzündung meist eine autoimmune Reaktion. Die Annahme war: Wenn eine chronische Entzündung vorliegt, dann läuft etwas im Immunsystem falsch, dann ist der Körper gegen sich selbst aggressiv. Deshalb hat man auch gedacht, jede Entzündung muss mit anti-entzündlichen Wirkstoffen wie zum Beispiel Cortison behandelt werden. Nachdem in den vergangenen Jahren etliche Gene identifiziert wurden, die an der Entstehung von Entzündungskrankheiten beteiligt sind, mussten wir unsere Vorstellungen revidieren.
Denn die Genetik bestätigte nicht die Annahme, dass Entzündungs- krankheiten durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems verursacht werden. Stattdessen scheint der Körper bei diesen Krankheiten nicht richtig mit seiner Umwelt umgehen zu können. Bei der entzündlichen Darmkrankheit Morbus Crohn wird der Darm quasi brüchig, die Barriere wird löchrig, und die natürlicherweise im Darm vorkommenden Bakterien dringen in Körperzellen ein. Das Immunsystem reagiert natürlich darauf mit einer Abwehr und schon hat man eine chronische Entzündung. Das Immunsystem wehrt also eigentlich Bakterien ab, was ja auch seine Aufgabe ist. Dabei zerschlägt es aber auch viele körpereigene Zellen.
Für welche Erkrankungen gilt das?
Momentan kann man sagen, dass es bei vielen entzündlichen Erkrankungen von Körperoberflächen ähnlich läuft. Das heißt, entzündliche Augenerkrankungen, entzündliche Hauterkrankungen, entzündliche Darmerkrankungen und entzündliche Lungenerkrankungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz wesentlich durch eine Auseinandersetzungsstörung mit der Umwelt bestimmt.
Was bedeutet das?
Wir müssen die Therapie einiger dieser Erkrankungen komplett ändern. Wenn man von Autoimmunerkrankungen ausgeht, versucht man, das Immunsystem zu unterdrücken. Bei einer Auseinandersetzungsstörung mit der Umwelt muss man jedoch die Barrierefunktion gezielt stimulieren. Die Pharmaindustrie hat schon angefangen, ihre Forschungsprogramme umzustellen und nach anderen Therapieprinzipien zu suchen.
Aber Cortison wirkt doch sehr gut gegen Entzündungen?
Das schon, aber besser wäre, die Ursache zu behandeln. Ein Beispiel: Ein Haus brennt jede Woche, weil die Elektrik defekt ist. Trotzdem kommt immer nur die Feuerwehr zum Löschen. Irgendwann wurde soviel gelöscht, dass von dem schönen Haus nicht mehr viel übrig ist. Dabei wäre es viel praktischer, die Elektrik einmal vernünftig zu reparieren. Das Gleiche gilt für die Therapie mit Cortison bei den entzündlichen Darmerkrankungen. Die Ärzte behandeln die Entzündungsschübe mit Cortison, dem Löschmittel, recht wirkungsvoll. Trotzdem folgen immer neue Schübe. Und irgendwann wirkt Cortison nicht mehr, weil der Darm bereits stark angegriffen ist.
Was treibt die Forschung jetzt um?
Wir müssen jetzt unsere neuen Erkenntnisse in ein ganzheitliches Verständnis des Krankheitsprozesses bringen. Dafür sind noch eine Reihe von Fragen zu beantworten: Welche Faktoren müssen zur Auslösung des Krankheitsprozesses zusammenkommen? Was sind die Risiken? Wann kommt das Immunsystem ins Spiel und wann muss man doch mit dem Löschzug kommen, weil das Haus lichterloh brennt? Das weiß im Moment keiner so genau.
Die Entwicklungen der letzten Jahre waren gewaltig. Wenn wir vor fünf Jahren über komplexe Krankheiten geredet hätten, da hätte ich gesagt, vielleicht finden wir ein Krankheitsgen oder zwei. Und da wäre ich optimistisch gewesen. Aber ich hätte niemals gedacht, dass wir bereits 2008 über 30 auch weltweit überprüfte Krankheitsgene für Morbus Crohn und über 15 für Asthma kennen. (ne)
Professor Stefan Schreiber und sein Team vom Institut für klinische Molekularbiologie haben die ersten Krankheitsgene für Colitis ulcerosa, eine zweite chronisch entzündliche Darmkrankheit, gefunden. Ihre Ergebnisse haben sie im Mai in Nature Genetics veröffentlicht.
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