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unizeit Nr. 49 vom 19.07.2008, Seite 1  Übersicht  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

kommt man auf unseren Campus, vermittelt sich dem Neuling nicht, dass diese Universität über 300 Jahre alt ist: Er findet sich in einem Ambiente der siebziger Jahre.

Wer im Gegensatz zu Tübingen, Heidelberg oder Göttingen keine historische Architektur hat bewahren können, muss Tradition auf andere Weise sichtbar machen und kreativ nutzen. Wir brauchen ähnliche "Erinnerungsorte", wie sie der französische Sozialwissenschaftler und Verleger Pierre Nora in den achtziger Jahren erfolgreich für sein Land gefordert hat.

Einen dieser Orte haben wir unlängst geschaffen, indem eine der Portalfiguren aus dem zerstörten klassizistischen Universitätshauptgebäude in unserem modernen Audimax aufgestellt wurde. Der überlebensgroße Aristoteles des Bildhauers Karl Begas wurde stark in Mitleidenschaft gezogen: Ohne Kopf und von Baggerzähnen gezeichnet erinnert er nicht nur an das universitäre Leben in dieser Stadt vor dem Krieg, sondern vor allem auch an die heute nicht mehr verständliche Entscheidung aus den fünfziger Jahren, ein Gebäude zu sprengen, das man hätte erhalten können.

Darüber hinaus haben wir, Pierre Nora weiterdenkend, das Internet genutzt und einen Erinnerungsort im virtuellen Raum eröffnet. Eine über hundert Seiten umfassende Plattform beschäftigt sich mit der Geschichte unserer Universität im Nationalsozialismus. Das Herzstück bilden Biografien von 47 Wissenschaftlern, von denen wir wissen, dass sie von dieser Universität vertrieben wurden, darunter Berühmtheiten wie Ferdinand Tönnies und Jens Jessen, der nach dem Attentat auf Hitler im Jahr 1944 hingerichtet wurde. Wir stellen diesen Porträts der Vertriebenen eine Dokumentation dessen zur Seite, was es bisher an Forschungsarbeiten zur NS-Zeit an der Kieler Universität gibt.

Das Ziel dieser Plattform, die für eine Universität bisher einzigartig ist, besteht für uns nicht nur darin, zu informieren und des Leids der Opfer hier am Ort zu gedenken, sondern vor allem darin, Diskussionen, Forschungsarbeiten und weitere Projekte anzuregen und zu erleichtern. Deshalb freue ich mich über die vielen Reaktionen aus ganz Deutschland: Ergänzungen, Literaturhinweise und natürlich auch Korrekturen und Kritik an einzelnen Darstellungen haben uns erreicht. So soll unser virtueller "Lieu de Mémoire" – wie ich hoffe – ein lebendiger Ort der Auseinandersetzung werden.

Professor Gerhard Fouquet
Universitätspräsident
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